Graf Albrecht von Bernstorff

Graf Albrecht von Bernstorff

Male 1890 - 1945  (55 years)    Has more than 250 ancestors but no descendants in this family tree.

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  • Name Albrecht von Bernstorff 
    Prefix Graf 
    Relationshipwith Francis Fox
    Born 6 Mar 1890  Berlin, DE Find all individuals with events at this location 
    Gender Male 
    Died Apr 1945  Berlin, DE Find all individuals with events at this location 
    Person ID I630621  Geneagraphie
    Last Modified 12 Sep 2008 

    Father Graf Andreas Petrus Albrecht von Bernstorff,   b. 20 May 1844, Berlin, DE Find all individuals with events at this location,   d. 21 Apr 1907, Berlin, DE Find all individuals with events at this location  (Age 62 years) 
    Mother Augusta von Hottinger,   b. 6 Sep 1860, Bel-Air Find all individuals with events at this location,   d. Yes, date unknown 
    Married 6 Sep 1881  Bel-Air Find all individuals with events at this location 
    Siblings 1 sibling 
    Family ID F274794  Group Sheet  |  Family Chart

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    Link to Google MapsBorn - 6 Mar 1890 - Berlin, DE Link to Google Earth
    Link to Google MapsDied - Apr 1945 - Berlin, DE Link to Google Earth
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  • Notes 
    • Die identitätsstiftenden Orte seiner Jugend waren Berlin und der Familiensitz Stintenburg. Seine Schulausbildung erhielt er hauptsächlich durch Hausunterricht in der Reichshauptstadt. Obwohl die strenge Religiosität des Vaters den Alltag prägte, übernahm Albrecht nichts von diesem Charakterzug. Statt der vorgelebten Sittenstrenge fand er bereits in Jugendjahren zu Liberalität und Toleranz gegenüber Andersdenkenden. Oftmals verstärkte der Kontrast zur Lebensweise des Vaters diese Entwicklung noch, was teilweise zu Spannungen zwischen Vater und Sohn führte. Dagegen war das Verhältnis zur Mutter überaus innig. Erst kurz vor ihrem Tod kam es zu Verstimmungen in dieser Beziehung, als Bernstorff versuchte, sein Leben selbständig und unabhängig von der Mutter zu führen. Seine Emotionen zeugen von einer bis dato sehr engen Bindung zur Mutter.

      Seine Jugend verbrachte Bernstorff hauptsächlich in der Metropole Berlin, den Familiensitz Stintenburg kannte er lediglich von Ferienaufenthalten. Als Primaner wurde die Ausbildung durch Privatlehrer durch einen kurzen Besuch des Kaiserin-Augusta-Gymnasiums in Berlin ergänzt. Dort legte er 1908 sein Abitur ab. Besonderes Interesse brachte er dem Erlernen von Fremdsprachen entgegen, besonders des Englischen, das er seit seiner Jugend fließend sprach. Als 1907 sein Vater verstarb, wurde Albrecht Graf von Bernstorff mit nur 17 Jahren Familienoberhaupt und Gutsherr auf Stintenburg, bis zu seinem 25. Geburtstag allerdings unter der Vormundschaft seines Onkels. Nach dem bestandenen Abitur trat Albrecht Graf von Bernstorff in eine landwirtschaftliche Lehre auf einem Schlossgut in der Provinz Brandenburg ein.

      Rhodes-Stipendiat in Oxford 1909-1911
      Trinity College (Oxford). Der Studienaufenthalt in Oxford von 1909 bis 1911 prägte Albrecht Graf von Bernstorff entschieden mit.1909 erhielt Bernstorff die Nachricht, den Zuschlag für ein Rhodes-Stipendium bekommen zu haben. Seit 1902 vergibt die Rhodes-Stiftung Vollstipendien an junge Menschen aus Großbritannien, den USA und Deutschland, das ihnen ein Studium an der renommierten University of Oxford ermöglicht. Bernstorff brach seine landwirtschaftliche Ausbildung ab und immatrikulierte sich am 8. Oktober 1909 als Student der Volkswirtschaftslehre am Trinity College. Dort erbrachte er gute Leistungen, die die Professoren überwiegend mit „eminent satisfactory" bewerteten. Die herausragenden Möglichkeiten, die ihm Oxford bot, nutzte Bernstorff bereits, um eine denkbare diplomatische Karriere möglichst gut vorzubereiten. Er gehörte 1911 zu den Mitbegründern des „Hanover Club", einem deutsch-britischen Debattierclub, der das gegenseitige Verständnis fördern sollte. Das erste Wortgefecht betraf das Thema „Anglo-German Relations" und wurde von Bernstorff geleitet. Unter den deutschen Stipendiaten an der Universität Oxford nahm Bernstorff stets eine Sonderstellung ein, auch durch seine Beziehungen zum „Deutschen Oxford-Club", der deutschen Alumni-Organisation der Rhodes-Stiftung, vor der er schon im Dezember 1909, wenige Monate nach seiner Immatrikulation, von seinen Erfahrungen berichtete. Zum Abschluss seines Studienaufenthalts hielt Bernstorff im Namen aller Stipendiaten eine Rede vor Alfred Milner, 1. Viscount Milner, dem Gouverneur der Kapkolonie, und dem Botschaftsrat der Deutschen Botschaft London, Richard von Kühlmann.

      In Oxford knüpfte A.T.A., wie Bernstorff in Abkürzung seiner Vornamen in England genannt wurde, zahlreiche Freundschaften: Zu seinen Kommilitonen gehörten Adolf Marschall von Bieberstein, der Sohn des deutschen Botschafters in Konstantinopel, Alexander von Grunelius, ein elsässischer Adliger und ebenfalls späterer Diplomat, Harald Mandt, späterer Geschäftsmann und ebenfalls Rhodes-Stipendiat, und der Brite, Mark Neven du Mont, der nach dem Studium zum einflussreichen Verleger aufstieg. Obwohl Bernstorff unter starkem Heuschnupfen litt, ruderte er für sein College. In Oxford entwickelte er eine tiefe Zuneigung zur britischen Lebensart und festigte seine liberalen Ansichten. Charakteristisch dafür ist die starke Betonung des Begriffs „free competition": In einem freien Wettbewerb soll sich herausstellen, welche Vorstellung oder welche Person die Geeignetere oder Bessere ist - nicht nur in der Wirtschaft. Damit hatte er früh seine politische Heimat gefunden, der er zeitlebens treu blieb.

      1911 legte Bernstorff Diplome in „Political Science" und „Political Economie" ab. Als Essenz seiner Erfahrungen in Oxford verfasste er zudem mit Alexander von Grunelius die Schrift „Des Teutschen Scholaren Glossarium in Oxford", die zukünftigen Stipendiaten auf humorvolle Weise Ratschläge für das Studium in Oxford und Hinweise zu englischen Eigenarten mit auf den Weg gab. Den unkomplizierten Umgangston und ein gewisses Überlegenheitsgefühl, einer Elite anzugehören, beschrieb er nicht nur, er machte es sich über die Jahre selbst zu eigen.

      Studium in Berlin und Kiel: 1911-1914
      Die Rückkehr aus England fiel Bernstorff nicht leicht. Er schrieb sich zunächst als Student der Rechtswissenschaft an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin ein. Doch ab dem 1. Oktober 1911 musste er seinen Militärdienst ableisten. Als Einjährig-Freiwilliger ging er zum renommierten Garde-Kürassier-Regiment. Nach nur einem halben Jahr wurde er wegen Heuschnupfen und Asthmaanfällen, die aus einer Pferdehaarallergie resultierten, entlassen. Dem Militärwesen begegnete Bernstorff ohnehin mit großer Distanz. Er ging an die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, wo er das Jura-, Staatswissenschafts- und Volkswirtschaftslehre-Studium fortsetzen konnte. Nach den Eindrücken aus Oxford wirkte Kiel allerdings provinziell auf Bernstorff. Er versuchte, der Stadt möglichst oft zu entkommen: So konnte er Stintenburg als Fluchtpunkt nutzen, wohin er sich seit dem Sommer 1912 zahlreiche Freunde einlud. Daneben kümmerte er sich um Friedrich von Bethmann Hollweg, den Sohn des Reichskanzlers Theobald von Bethmann Hollweg. Neben Stintenburg hielt sich Bernstorff häufig in Berlin auf, wo er mit seinem Onkel Johann Heinrich Graf von Bernstorff erste politische Gespräche führte. Johann Heinrich Graf von Bernstorff war ein einflussreicher Diplomat und außenpolitischer Berater Bethmann Hollwegs und zum damaligen Zeitpunkt deutscher Botschafter in Washington. Seine liberalen Ansichten und seine Erfahrungen in der Diplomatie machten ihn zu einem Vorbild für seinen Neffen Albrecht. „Vielleicht wird die Rolle des Onkels für mein Leben noch sehr mitbestimmend werden. Alles, was ich seit meinen Kinderjahren erstrebt habe, vertritt er ja eigentlich."

      Im April 1913 reiste Albrecht Graf von Bernstorff nach England. Neben Besuchen in Oxford und London verbrachte er einige Tage auf der Isle of Wight. Er wurde immer mehr von Selbstzweifeln befallen und hatte Angst, den an ihn gestellten Erwartungen niemals genügen zu können. Insbesondere der Aufenthalt in Oxford belastete ihn emotional sehr schwer, was beinahe in Selbstmord mündete. „Als junger Mann war er weich, leicht entmutigt und trüben Gedanken zugänglich." Auch später befielen ihn immer wieder Depressionen und tiefsitzende Angst, nicht gut genug zu sein oder „nicht das richtige Leben zu führen". Er versuchte dann, seinen Emotionen durch erhöhte Aktivität zu kompensieren. Gerade zu dieser Zeit beschloss er, einmal Parlamentarier zu werden.

      Am 1. August 1914 brach der Erste Weltkrieg aus. Während dies die Mehrheit seiner Zeitgenossen in patriotische Hochstimmung versetzte, quälte ihn der Gedanke, vielleicht selbst kämpfen zu müssen. „Da es mir an Begeisterung etwas fehlt - der Krieg ist das Schreckgespenst meines Lebens - gegen die westlichen Nachbarn, so weiß ich nicht, ob es meine Pflicht ist, zu gehen, ehe ich gerufen werde. […] Dass wirklich Krieg ist, erscheint mir immer noch ein böser Traum." Bernstorff versuchte, sich durch eine verstärkte Beschäftigung mit Kunst ablenken zu können. Er las die englischen Autoren John Galsworthy, Robert Louis Stevenson und H. G. Wells. Daneben besuchte er die Uraufführung von George Bernard Shaws „Pygmalion". Zum deutschen Expressionismus fand er über René Schickele und Ernst Stadler einen Zugang, während ihn auf der Bühne vor allem der Jugendstil-Dichter Karl Gustav Vollmoeller interessierte. Bernstorff setzte sich auch mit den Werken Stefan Georges auseinander, dessen mythisch-sakralen Vorstellungen er aber ablehnte. Er las Werke des Philosophen Henri Bergson und bewunderte die Dichtungen des Inders Rabindranath Thakur. Außerdem begeisterte ihn der Chassidismus, eine die Offenbarung in der Natur betonende Lehre des Judentums.

      So sehr Albrecht Graf von Bernstorff seine Kieler Jahre als nutzlos ansah, entstand damals die tiefste Beziehung seines Lebens. Er lernte Elisabeth Benvenuta Gräfin von Reventlow, genannt Elly, kennen, die mit Theodor Graf von Reventlow, dem Gutsherrn von Altenhof (bei Eckernförde) verheiratet war. Bernstorff war häufig zu Besuch auf Altenhof und er entwickelte eine sehr enge Beziehung zu Elly Reventlow. Sie sei „die Frau meines Lebens, die große Erfahrung meines Daseins". Auch wenn beide keine Liebesbeziehung verband - Reventlow war verheiratet und ihrem Mann treu - gelang es, eine tiefe freundschaftliche Vertrautheit zwischen ihnen ein Leben lang aufrecht zu erhalten.

      Bereits am 1. November 1913 hatte Bernstorff sich im Auswärtigen Amt vorgestellt, wo man ihm riet, nach seinem Examen wiederzukommen. Dieses konnte er am 16. Juni 1914 an der Universität Kiel ablegen und begann wenige Tage später am Amtsgericht Gettorf sein Referendariat, das bis ins Jahr 1915 dauern sollte. Er bemühte sich, nach dem Referendariat in den diplomatischen Dienst aufgenommen zu werden, auch um einem trotz seiner eingeschränkten gesundheitlichen Eignung drohenden Einzug zum Militärdienst zuvor zu kommen. Bereits am 14. Juli 1914 schickte er der Personalabteilung des Auswärtigen Amtes sein Aufnahmegesuch; zudem nahm sein Onkel Percy Graf von Bernstorff zu seinen Gunsten Einfluss. Dennoch dauerte es bis zum 8. Januar 1915, bis Albrecht Graf von Bernstorff seinen Dienst antreten konnte: Sein erster Posten war der eines Attachés an der deutschen Botschaft Wien.

      Erster Weltkrieg in Wien: 1914-1917
      Diplomatische Lehrjahre: 1914-1915
      Das pulsierende kulturelle Leben Wiens hatte Einfluss auf den jungen Diplomaten Bernstorff.Albrecht Graf von Bernstorff trat seinen Posten in Wien gerne an und freute sich, wieder im Ausland zu sein. Der deutschen Botschaft stand zu dieser Zeit Heinrich Leonhard von Tschirschky und Bögendorff vor, mit dem er allerdings zunächst weniger zu tun hatte. Nachdem Bernstorff zunächst mit rein bürokratischen Tätigkeiten betraut wurde, wünschte er sich zunehmend, mehr politische Aufgaben übernehmen zu können. Er begriff bereits in den ersten Wochen seiner Tätigkeit in Wien, dass die deutsche Vertretung im Ersten Weltkrieg eine herausragende Rolle spielte. Von dort nahm die deutsche Diplomatie Einfluss auf die Meinungsbildung der österreichischen Regierung und umgekehrt.Auch Bernstorff war, trotz seiner niedrigen Position und seines jugendlichen Alters, fast von Beginn an in diese Vorgänge involviert und verstand es, dienstliche und private Angelegenheiten eng zu verknüpfen. In Wien erlebte Bernstorff die ausgehende Habsburg-Monarchie; er wurde sogar schon am 27. Januar 1915 dem greisen Kaiser Franz Joseph vorgestellt, dessen „Aura" ihn tief beeindruckte.[19] Daneben lernte er bald einflussreiche Politiker Österreich-Ungarns kennen, darunter den Außenminister Stephan Baron Burián, den Hofmeister Alfred von Montenuovo und den Ministerpräsidenten Karl Stürgkh. Inhaltlich befasste sich Bernstorff in den ersten Monaten vor allem mit dem neutralen Italien. Die Botschaft versuchte vergeblich, einen Kriegseintritt Italiens auf Seiten der Entente zu verhindern.

      Im Winter 1915 richtete Bernstorff unter Nennung seiner Funktion als Attaché eine Petition an den Reichstag, in der er im Namen aller deutschen Rhodes-Stipendiaten eine besonders gute Behandlung aller in deutscher Kriegsgefangenschaft befindlichen ehemaligen Studenten der Universitäten Oxford und Cambridge erbat. Diese ungewöhnliche Forderung stellte ein bewusstes Dienstvergehen dar, wofür Bernstorff ermahnt wurde. Seine bereits damals guten Beziehungen zu Entscheidungsträgern im Auswärtigen Amt und der Reichskanzlei, insbesondere zu Julius Graf von Zech-Burkersroda, Kurt Riezler und Richard von Kühlmann, verschafften ihm aber großen Eindruck, weshalb das Vergehen seine Position in keiner Weise erschütterte. Daneben herrschte auch zu seinem unmittelbaren Dienstherrn, Botschafter Tschirschky, ein gutes Verhältnis. Tschirschky lobte ihn als überdurchschnittlich begabtes, junges Talent und schrieb regelmäßig gute Beurteilungen für ihn.

      Politisch orientierte er sich an der bürgerlich-demokratischen Fortschrittlichen Volkspartei und unterstützte seit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges die Burgfriedenspolitik des Reichskanzlers Theobald von Bethmann Hollweg, den er mit deutlicher Sympathie betrachtete und große Hoffnungen in ihn setzte. Wie bei vielen Liberalen wandelte sich jedoch auch Bernstorffs Ansicht, als Bethmann Hollweg den Alldeutschen zu große Zugeständnisse machte. Im Winter 1915/1916 hielten sich zahlreiche offizielle Gäste in der Botschaft auf, neben österreichischen Honoratioren auch deutsche Politiker und sogar neben dem österreichischen Thronfolger Karl auch zwei Mal Kaiser Wilhelm II.. Besonderen Eindruck machten die Veranstaltungen deutscher liberaler Politiker, darunter Bernhard Dernburg und allen voran Friedrich Naumann. Bernstorff befasste sich intensiv mit Naumanns Buch „Mitteleuropa", in dem dieser eine liberale Vision eines friedlichen Wettbewerbs der Nationen zeichnete, sich jedoch gleichzeitig eine deutsche Hegemonie in Europa wünschte.

      Insgesamt festigte sich sein politisches Weltbild durch den Krieg: Die Schlacht bei Ypern und ab 1916 die Schlacht von Verdun mit ihren unfassbaren Opferzahlen führten zu einer scharfen Ablehnung des Krieges. Bernstorff schrieb: „Ob nicht wirklich der soziale Staat der Zukunft sich auf wirtschaftliche Kämpfe beschränken wird, nicht auf organisierte Gemeinheit?" Die Ansichten der Militärs verurteilte er heftig: Die Marine-Politik Alfred von Tirpitz' nannte er „alldeutschen Terrorismus" und wünschte Tirpitz an den Galgen.Er befürchtete nicht nur ein wirtschaftliches Elend in der Zeit nach dem Weltkrieg, sondern auch die Möglichkeit politischer Extreme: „Die Verletzung auf beiden Seiten war so infam, dass man sie nie ganz wird vergessen können und immer vor der Explosion der niedrigsten Instinkte der Massen wird auf der Lauer sein müssen." Außenpolitisch erhoffte er sich einen Ausgleichsfrieden mit den USA als Vermittler. Nach innen sollte das Kaiserreich grundlegend reformiert und demokratisiert werden. Doch dafür ist für ihn eine große, demokratische konservative Kraft nötig, die gemeinsam mit den Liberalen eine Regierung bilden könnte. Dafür müssten sich die Konservativen aber seines Erachtens viel stärker vom erstarkenden alldeutschen Nationalismus abgrenzen.

      „Es gibt Augenblicke, wo ich mich frage, ob ich im Staatsdienst bleiben kann, wenn das so weiter geht - diese Art von Deutschtum zu vertreten, ist mir unmöglich, und nur der Wunsch, sich nicht herausekeln zu lassen […] und die Hoffnung auf andere Zeiten hält einen."

      Auf dem Weg zu sich selbst: 1915-1917
      Albrecht Graf von Bernstorff.Wien bedeutete für Albrecht Bernstorff weit mehr als Politik und Diplomatie. Er schloss in dieser Zeit zahlreiche Bekanntschaften und versuchte, durch die Auseinandersetzung mit Kunst und Literatur seinen eigenen geistigen Weg zu finden. Die Kreise, in denen er sich bewegte, waren durchweg elitär und von großer Kulturbeflissenheit geprägt. Er traf sich häufig mit dem österreichischen liberalen Politiker Josef Redlich, den Literaten Hugo von Hofmannsthal und Jacob Wassermann sowie dem Bankier Louis Nathaniel von Rothschild und dessen Bruder Alphonse. Bernstorff war des Öfteren auf den Rothschild'schen Besitzungen in Langau bei Wien. Die Lyrik Hugo von Hofmannsthal war bereits vor der Bekanntschaft mit ihm für den jungen Attaché ein Thema gewesen. Bernstorff freute sich über die Freundschaft zu ihm und genoss die geistvollen Gespräche, die sein Interesse für Poesie noch stärkten. Ähnliches gilt für Wassermann, dessen Selbstdisziplin er bewunderte. Insgesamt kann diese Zeit als die „ästhetischen Jahre" Bernstorffs bezeichnet werden.

      Diese fanden ihren Höhepunkt in einer zweiwöchigen Rundreise, die ihn im Sommer 1916 zunächst nach Bad Gastein führte, darauf nach Altaussee, wo er seine Freunde Redlich, Wassermann und Hofmannsthal gemeinsam mit dem Dichter Arthur Schnitzler antraf. Weiter ging es nach Salzburg, das er sich von dem Schriftsteller Hermann Bahr zeigen ließ. Die Reise endete in München, wo er Rainer Maria Rilke besuchte. Diese Begegnung war für Bernstorff ein prägendes Erlebnis. Beeindruckt erwarb er sämtliche Werke des Dichters - die Grundlage für seine später äußerst umfangreiche Sammlung moderner Lyrik. Bis in den November 1917 sah Bernstorff Rilke noch mehrmals und blieb dann noch länger mit ihm in Briefkontakt. Er abonnierte die Neue Rundschau und besuchte fast täglich klassische Konzerte, besonders Richard Strauss, dessen Bekanntschaft er im Oktober 1916 machte, fesselte ihn. Daneben beobachtete er die Werke des jungen Komponisten Erich Wolfgang Korngold.

      Der bildenden Kunst brachte Bernstorff dagegen weniger Interesse entgegen. Nur ein Maler konnte ihn wirklich begeistern: Der Wiener Victor Hammer schuf 1917 auch mehrere Portraitbilder des Diplomaten, von denen eines sogar auf der Wiener Secession ausgestellt wurde. Daneben reiste er viel: Allein in den drei Jahren nahm er zehnmal Urlaub, um Wien zu verlassen. Seine Ziele waren Linz, Marienbad, Pressburg, Budapest, Dresden oder Berlin, von wo aus er stets Abstecher nach Stintenburg und Altenhof machte. Diese glücklichen Tage des Jagens und Naturgenusses, die er sehr genoss, standen im scharfen Kontrast zu seiner melancholisch-einsamen Missgelauntheit: „Es gibt Stunden der Verzweiflung - nicht der Depression, aber des Wunderns über die scheinbare Sinnlosigkeit der Dinge, des Lebens." Dieses Lebensgefühl, die Unsicherheit darüber, ob er das „richtige Leben" lebte, hatte ihn 1913 fast in den Selbstmord getrieben und plagte ihn auch in Wien. Lediglich seiner Freundin Elly Reventlow eröffnete er seine Gedanken, vor denen er sich in Arbeit und in die Literatur flüchtete.

      Im November 1916 starb Kaiser Franz Joseph, mit dem für Bernstorff die Epoche seit der französischen Revolution zu Ende ging. Er war stolz den „letzten Chevalier" noch dreimal getroffen zu haben. Von dem jungen Kaiser Karl I. hatte er ebenfalls einen positiven Eindruck. Nach dem Thronwechsel reiste der neue deutsche Staatssekretär des Äußeren, Arthur Zimmermann mit Admiral Henning von Holtzendorff zu seinem Antrittsbesuch nach Wien, um die verbündete Donaumonarchie für den uneingeschränkten U-Bootkrieg zu gewinnen. Albrecht Graf von Bernstorff versuchte, für die Auffassungen seines Onkels Johann-Heinrich, damals deutscher Botschafter in Washington, Einfluss zu nehmen, da die Befürworter eines Verhandlungsfriedens den U-Bootkrieg wegen eines möglichen Kriegseintritts der Vereinigten Staaten entschieden ablehnten. Der Beschluss für den U-Bootkrieg vom 9. Januar 1917 enttäuschte Bernstorff zutiefst; sein Onkel verließ nach der Kriegserklärung der USA Washington und trat seinen neuen Posten in Konstantinopel an.

      Im Juli 1917 trat Bethmann Hollweg als Reichskanzler zurück. Dies betrachtete Bernstorff, der sich vom Kanzler mehr erhofft hatte, zunächst als Fortschritt. Die Berufung von Georg Michaelis und drei Monate darauf die Georg von Hertlings sah er jedoch als politischen Sieg der Militärs und je länger der Krieg dauerte, desto stärker erschien ihm Bethmann Hollweg wieder in einem positiven Licht. Die russische Februarrevolution sah er als „Anfang vom Ende […] der bürgerlichen Gesellschaft" und befürchtete Auswirkungen auf das Kaiserreich. Albrecht Graf von Bernstorff meinte, dass Deutschland als Vorleistung für einen möglichen Verständigungsfrieden im inneren Reformen zur Demokratisierung durchführen sollte - dies sei die einzige Chance, den Krieg zu beenden und gleichzeitig die Monarchie zu bewahren. Die Kraft, dies zu ermöglichen, konnte seines Erachtens nur aus Süddeutschland kommen, „wo sich jenes Deutschtum, das am höchsten Goethe für uns verkörpert, noch existiert, […] die tiefe Fülle des Lebens, Dichtung, Musik, Menschentum, Philosophie, Kunst." Bernstorff hatte sich zu einem „realpolitischen Pazifisten" entwickelt.

      Der junge Diplomat in Berlin und Koblenz: 1917-1922
      Auswärtiges Amt bis zur Revolution: 1917-1918
      Wilhelm Solf förderte Bernstorff, der über den Staatssekretär zahlreiche namhafte Persönlichkeiten kennenlernte. Die Verbindung mit Solf war später auch dem Widerstand von Nutzen.1917 berief das Auswärtige Amt Bernstorff zur weiteren Ausbildung in die Berliner Zentrale. Er kam zunächst in die Rechtsabteilung, womit seine Bemühungen, in die wirtschaftspolitische Abteilung zu kommen, gescheitert schienen. Bernstorff suchte den Staatssekretär Richard von Kühlmann auf, der eine Versetzung in die wirtschaftspolitische Abteilung anordnete. Dort befasste sich Bernstorff mit der Vorbereitung einer stärkeren wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen dem Deutschen Reich und Österreich-Ungarn nach Vorbild der „Mitteleuropa"-Idee. Wenig später wurde er jedoch in die politische Abteilung unter Leopold von Hoesch versetzt, wo er von nun an in der unmittelbaren Nähe Kühlmanns tätig war. Die Abteilung hatte zu diesem Zeitpunkt vor allem mit der Vorbereitung des Friedensvertrages von Brest-Litowsk zu tun. Bernstorff war allerdings als Attaché nicht direkt in die Verhandlungen involviert, sondern blieb in Berlin. Dort wurde er Mitglied der Deutschen Gesellschaft 1914, wo über politische Richtungen hinweg über Perspektiven eines Nachkriegsdeutschlands diskutiert wurde. Der elitäre Club stand unter dem Vorsitz des liberalen Diplomaten Wilhelm Solf. Daneben besuchte er gemeinsam mit Freunden mehrmals den Altkanzler Bethmann Hollweg, dem er mittlerweile wieder hohe staatsmännische Fähigkeiten und ethische Grundwerte beimaß, auf seinem Alterssitz Hohenfinow. Außerdem wurde Bernstorff 1917 als junger Gutsherr nach dem Dreiklassenwahlrecht in den lauenburgischen Kreistag gewählt, dem er bis zu dessen Auflösung im März 1919 angehörte.

      Im April 1918 begleitete er Richard von Kühlmann bei dessen Antrittsbesuch am badischen Hof. Bei dieser Gelegenheit lernte Bernstorff auch den liberalen Prinzen Max von Baden kennen. Im folgenden Monat war er Mitglied der deutschen Delegation bei der Friedensverhandlung mit Rumänien in Bukarest, die er als den größten diplomatischen Erfolg der Mittelmächte wertete. Dort fungierte er als persönlicher Adjutant des Staatssekretärs. Anfang Juni 1918 stellte sich Kühlmann vor den Reichstag, um von den linken Kräften eine stärkere Unterstützung für einen Verhandlungsfrieden einzufordern, was Bernstorff begrüßte. Auf einem Empfang im Anschluss an die Reichstagssitzung lernte er zahlreiche einflussreiche Parlamentarier kennen, darunter die Sozialdemokraten Friedrich Ebert, Philipp Scheidemann, Albert Südekum und Wolfgang Heine, den Liberalen Conrad Haußmann und den Zentrumspolitiker Matthias Erzberger.

      Anfang Oktober 1918 reiste Bernstorff nach Wien, wo er bei dem Kabinettsentwurf der letzten k.u.k-Regierung anwesend war. Sein Freund Redlich übernahm in der Regierung Max Hussarek von Heinleins das Finanzressort. Als er nach Berlin zurückkehrte war das Kaiserreich durch die Oktoberreform in eine parlamentarische Monarchie umgewandelt worden. Neuer Außenstaatssekretär wurde Wilhelm Solf, der bisherige Leiter des Reichskolonialamtes, von dem Bernstorff einen sehr guten Eindruck hatte („Solf ist natürlich eine Freude für mich - wäre ich 10 Jahre älter, wäre auch ich in der Regierung."). Bis zu dessen Rücktritt arbeitete er als Solfs persönlicher Adjutant. Die Regierungsgeschäfte führte Max von Baden, in den Bernstorff wie viele Liberale große Hoffnungen auf die Erhaltung der Monarchie in einem freiheitlich-demokratischen Kaiserreich („Die alte deutsche Linie, die zur Paulskirche führte und 1848 abbrach." legte. In den letzten Tagen des Hohenzollern-Reiches, am 8. November 1918 wurde Albrecht Graf von Bernstorff zum Legationssekretär ernannt und damit nach Abschluss seiner Ausbildung in den Staatsdienst übernommen.

      Novemberrevolution und DDP 1918-1920
      Johann-Heinrich Graf von Bernstorff hatte großen Einfluss auf die politische Richtung seines Neffen.Die Novemberrevolution lehnte Albrecht von Bernstorff anfangs ab, da er seine demokratischen Vorstellungen bereits in einer parlamentarischen Monarchie verwirklicht sah. Dem Revolutionären konnte er dagegen nichts abgewinnen, auch wenn er feststellte, mit Wilhelm II. vermutlich zu keinem Friedensschluss zu kommen. Für ihn war mit dem Scheitern des Prinzen Max von Baden die Vorstellungen eines Liberalismus in einer Monarchie begraben worden, nun müsse für eine bürgerliche Partei innerhalb der Republik gekämpft werden.[39] Um den jungen Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes Kurt Riezler bildete sich eine Gruppe von Diplomaten, die der Demokratie gegen die radikalen Kräfte mehr Gehalt geben wollten. Da sie die Gründung einer eigenen Partei noch ablehnten, plante Bernstorff, genau wie sein Onkel Johann-Heinrich, der Fortschrittlichen Volkspartei beizutreten und auch für diese zu kandidieren, was jedoch nicht umgesetzt worden ist.[40] Am 16. November 1918 wandte sich die Gruppe mit dem Aufruf „An die deutsche Jugend!" im Berliner Tageblatt an die Öffentlichkeit, in dem sie den „Geist von 1848" beschwor und das Ende aller Klassenprivilegien forderte. Zu den Unterzeichnern gehörten neben Bernstorff und Riezler auch Oskar Trautmann und Harry Graf Kessler.

      Statt wie zu Anfang geplant erhielt die Fortschrittliche Volkspartei aber nicht den Status der großen liberalen Partei, sondern stattdessen die neugegründete Deutsche Demokratische Partei, der Bernstorff nun mit seinem Onkel beitrat. Auf diese neue bürgerliche Partei war er stolz und die Demokraten konnten prominente Namen in ihren Reihen aufweisen, darunter Solf, Haußmann, Payer und Dernburg. In seinem typischen Humor schrieb Bernstorff ironisch: „Gründung von Onkel Johnnys Demokratischem Club, der wirklich semitisch-kapitalistisch zu werden verspricht. Wir Jüngeren werden die radikale antikapitalistische Linke darstellen." Am 18. Dezember 1918 übergab Wilhelm Solf auf Druck der USPD die Amtsgeschäfte an Ulrich von Brockdorff-Rantzau, wodurch die Rückendeckung für Bernstorffs diplomatisches und parteipolitisches Engagement erheblich schwand. Das Verhältnis zu Rantzau verschlechterte sich noch, als dieser die Versetzung Bernstorffs an die deutsche Botschaft in Paris ablehnte. Stattdessen wurde ihm eine Versetzung an die deutsche Botschaft Prag angetragen, die ihm aber nicht zusagte. Als im Juni 1919 Solf als Botschafter in London im Gespräch war, versuchte Bernstorff davon ebenfalls zu profitieren. Bis zum Frühjahr 1920 hatte er im Auswärtigen Amt seit dem Abgang aus Wien mindestens fünf verschieden Posten inne, was nicht für eine vorausschauende Personalpolitik spricht.

      Am 10. September 1919 wurde Albrecht Graf von Bernstorff auf die Weimarer Verfassung vereidigt. Er hatte erkannt, dass es für Deutschland kein Zurück gab und sich zum Vernunft-Republikaner entwickelt. Anfang 1920 übernahm er die seit einem Jahr bestehende Außenhandelsstelle des Auswärtigen Amtes, wo er mit dem Wirtschaftsfachmann Carl Melchior zu tun hatte. Stets rechnete er aber mit einer baldigen Versetzung ins Ausland. Der Papierkrieg und die wenige politische Arbeit ärgerten ihn, insgesamt hatte er nun aber auch wieder mehr Muße. Lediglich der Kapp-Putsch, den er einen „Dumme-Jungen-Streich" nannte, sorgte dafür, dass die Regierungsbehörden für einige Tage vorübergehend über Dresden nach Stuttgart verlegt wurden. Für ihn erschien aber selbst dies „sehr aufregend und ganz unterhaltsam".

      Diplomat im eigenen Land: Koblenz 1920-1921
      Bei der Interalliierten Rheinlandkommission vertrat Bernstorff die deutschen Interessen in den besetzten Gebieten (Karte des besetzten Rheinlandes, 1923).Mitte April 1920 ging Albrecht Graf von Bernstorff als Legationssekretär und Mitarbeiter des Geheimen Legationsrates Arthur Mudra an die „Interalliierte Rheinlandkommission" nach Koblenz. In den ersten Wochen seiner Tätigkeit an der Besatzungsbehörde der Siegermächte vertrat er noch seinen Vorgesetzten, bevor er am 11. Mai selbst zum neuen „Vertreter des Auswärtigen Amtes beim Reichskommissar für die besetzten rheinischen Gebiete" ernannt wurde. Nun war Bernstorff imstande, seine Arbeit freier zu gestalten. „Habe gute Fühlung mit Engländern und Amerikanern - mache viel Politik und wenig Akten." Zudem genoss er es, das ihm weitestgehend unbekannte Westdeutschland kennenzulernen. Dienstlich reiste er häufig nach Darmstadt, Frankfurt und Köln. Daneben hielt er regelmäßig Vortrag bei Reichsaußenminister Walter Simons und Kanzler Konstantin Fehrenbach. „Man scheint in Berlin sehr zufrieden mit mir, unterstützt mich auch, will mich vorläufig dort lassen, war überhaupt sehr anerkennend."

      Zu seinen Aufgaben in Koblenz gehörte die Teilnahme an den Sitzungen des „Parlamentarischen Beirats für die besetzten rheinischen Gebiete" und dessen Wirtschaftsausschuss. Diplomatisch orientierte er sich eindeutig an der Linie der deutschen Außenpolitik. Das Londoner Ultimatum und die Reparationszahlungen sah er jedoch kritisch, da er es als paradox empfand, die Erfüllungspolitik soweit fortzuführen, bis die Wirtschaft komplett am Boden lag, um dann den Siegermächten das Resultat der Reparationsforderungen zu präsentieren. Aus diesem Grund hoffte er auf eine langsame Abkehr von der Erfüllungspoltiik und einen anderweitigen Ausgleich mit der Entente. In diesem Sinne sandte ihn Außenminister Friedrich Rosen im Juni 1921 nach London, wo er in einer Vielzahl von Gesprächen versuchte, Einfluss auf das Foreign Office auszuüben. Außerdem traf er sich mit dem Kopf der oppositionellen Liberalen, dem ehemaligen Premierminister Herbert Asquith. Bereits vor seiner Reise hatte es Gerüchte gegeben, dass Bernstorff als Konsul nach Glasgow berufen werden sollte. Da aber der Londoner Botschafter Friedrich Sthamer Bedenken wegen des Namens Bernstorff hatte, da Johann-Heinrich Graf von Bernstorff im Weltkrieg für eine Verständigung und damit gegen einen britischen Siegfrieden eingetreten war, wurde dieser Gedanke wieder fallen gelassen. So fiel es Albrecht Graf von Bernstorff leicht, zu diesem Zeitpunkt, als sein Verbleib in Koblenz sicher war, seine Unabhängigkeit vom Auswärtigen Dienst zu vergrößern. Am 27. Juli 1921 stellte er daher ein Gesuch, ein Jahr für ein Volontariat bei dem Bankhaus „Delbrück, Schickler & Co." beurlaubt zu werden. Obwohl man zunächst versuchte, ihn von diesem Plan abzubringen, gab man ihm schließlich doch statt. Gleichzeitig lobte Minister Friedrich Rosen den großen „Aktionsradius" Bernstorffs und betrachtete dessen Tätigkeit in Koblenz als äußerst erfolgreich.

      Delbrück, Schickler & Co.: 1921-1922
      Das Schicklerhaus in Berlin, Sitz der Bank „Delbrück, Schickler & Co.".Seine Tätigkeit im Bankhaus Delbrück, Schickler & Co. begann am 28. November 1921. In der Bank hatte er allerdings keine konkreten Aufgaben, da er sich lediglich über die verschiedenen Abteilungen informieren sollte und nicht selbst tätig wurde. Aufgrund zahlreicher gesellschaftlicher Verpflichtungen fühlte er sich dennoch abgehetzt und „aufgefressen". Er verkehrte bei Kurt Riezler, wo er auch dessen Schwiegervater Max Liebermann kennenlernte, Hermann von Hatzfeldt, Gerhard von Mutius und dem Staatssekretär in der Reichskanzlei Heinrich Albert. Bernstorff gehörte - trotz seiner zeitweise prekären finanziellen Situation - zur „High society" der Hauptstadt.

      Den Abschluss des Vertrages von Rapallo am 22. April 1922 nannte Bernstorff eine „Dummheit". Über den Außenminister Rathenau schrieb er scherzend: „Walther schützt vor Torheit nicht.", Als jedoch Rathenau nur einen Monat später einem Fememord zum Opfer fiel, sprach Bernstorff von einer „Viecherei, die ihre Ursache in der maßlosen Hetze der Rechten" hat. Die Beschäftigung im Bankhaus Delbrück war von Anfang an auf nur ein Jahr angelegt gewesen und als diese Zeit endete, zögerte Bernstorff, in den diplomatischen Dienst zurückzukehren. Die Alternative war für ihn eine Daueranstellung in einer Bank im Ausland. Als ihm die Personalabteilung des Auswärtigen Amtes aber einen Posten an der deutschen Botschaft London anbot, sagte er zu.

      Diplomat in London: 1923-1933
      „Bernstorff hat mehr als eine andere deutsche Persönlichkeit dazu getan, dass die englisch-deutschen Beziehungen sich ständig verbesserten."
      - Vossische Zeitung, 28. Juni 1933.

      Die ersten Jahre: 1923-1928
      Von 1923 bis 1933 war Bernstorff an der deutschen Botschaft London tätig.
      Vertreter der Weimarer Republik
      Am 20. Januar 1923 traf Bernstorff in London ein. Seine Abreise hatte sich durch die Ruhrbesetzung mehrfach verzögert. Er übernahm den Posten eines 2. Sekretärs unter Botschafter Friedrich Sthamer. Von Anfang an war er mit dieser Position unzufrieden. In den folgenden Jahren wurden ihm immer wieder Aufstiegschancen an anderen Botschaften aufgezeigt, etwa in Kopenhagen unter Ulrich von Hassell. Bernstorff bestand jedoch auf seinen Verbleib in London, drohte des Öfteren mit seinem Austritt aus dem diplomatischen Dienst und nahm auch eine eher langsame Karriere in Kauf.

      Bereits nach den ersten Monaten empfand er Sthamer als ungeeigneten Mann: Er habe in den Jahren nach dem Weltkrieg gute Arbeit geleistet, sei aber nun zu zurückhaltend und stelle gesellschaftlich nichts dar. Als Nachfolger schlug Bernstorff Harry Graf Kessler vor. Es dauerte allerdings Jahre, bis ein Nachfolger berufen wurde. Bernstorff untergrub über einen langen Zeitraum in Briefkontakten ins Auswärtige Amt die Autorität des Botschafters, da er diesen für ungeeignet hielt und auch aus eigenen Aufstiegshoffnungen seinen Abschied herbei sehnte. Eine Gehaltskürzung von 10 Prozent wegen der angespannten Haushaltslage des Reiches bereitete dem ohnehin durch den schlecht laufenden Gutsbetrieb in Stintenburg unter finanziellen Problemen leidenden Bernstorff zusätzliche Schwierigkeiten. Daher sah er sich zwischenzeitlich sogar gezwungen, von Verwandten Geld zu leihen oder Schmuckstücke aus Familienbesitz zu verkaufen. Die Hyperinflation trug ebenfalls zu den finanziellen Sorgen bei. Bernstorff versuchte allerdings auch nicht, seinen luxuriösen Lebenswandel einzuschränken.

      Sein Aufgabenbereich lag in der politischen Abteilung, wo er mit Otto Fürst von Bismarck zusammenarbeitete. Zentrales Sachthema war der Versuch einer Annäherung an Großbritannien, um die Ruhrbesetzung möglichst früh zu beenden und gleichzeitig Frankreich politisch zu isolieren. Um dies zu erreichen, müsse Deutschland, so Bernstorffs Ansicht, „schon aus taktischen Gründen" dem Völkerbund beitreten. Für diese Position warb er auch in einem Artikel in der Zeitung „Deutsche Nation".[54] Bernstorff rechnete damit, dass die Ruhrbesetzung noch Jahre andauern würde, weshalb er auch einen schrittweisen Abzug der Truppen begrüßte. Eine unvorsichtige Äußerung in diese Richtung wurde schließlich in einer Pressemeldung als offizielle Position der Reichsregierung abgedruckt, was in der Öffentlichkeit für Unruhe sorgte, wofür Bernstorff vom Botschafter getadelt wurde. Anfang 1924 vertrat Bernstorff die Weimarer Republik bei den deutsch-englischen Luftfahrtverhandlungen, die Teil der Entwaffnung des Deutschen Reiches waren. Mit dieser Angelegenheit blieb er über Monate hinweg beschäftigt. Daneben wirkte Bernstorff im Auftrag der „Wirtschaftspolitischen Gesellschaft" an zahlreichen Aktionen für die Verbesserung des deutschen Images in Hinblick auf die Wirtschaft mit, darunter Buchveröffentlichungen, Reisen prominenter Deutscher nach London oder von Engländern nach Berlin (etwa Graham Greene) oder finanzielle Unterstützung für die Arbeit des Journalisten Jona von Ustinov, mit dem ihn auch eine Freundschaft verband. 1927 besuchte Ustinov mit Frau und Sohn Peter sogar Stintenburg.

      Vom 16. Juli bis zum 16. August 1924 fand die Londoner Konferenz über ein neues Reparationsabkommen statt. Ab dem 6. August saßen auch deutsche Delegierte mit am Verhandlungstisch. Es waren Reichskanzler Wilhelm Marx, Außenminister Gustav Stresemann mit Staatssekretär Carl von Schubert und Finanzminister Hans Luther in die britische Hauptstadt gereist. Als Vertreter der deutschen Botschaft nahm Albrecht Graf von Bernstorff an der Konferenz teil. Als Abschluss der Verhandlungen stand der Dawes-Plan, den Bernstorff als Fortschritt wertete, obgleich dieser nicht restlos befriedigend sei. Die mögliche Wahl Paul von Hindenburgs zum Reichspräsidenten beurteilte er im April 1925 mit Blick auf die außenpolitischen Perspektiven äußerst kritisch: „Das ganze Kapital des Vertrauens, das in mühsamer Arbeit von fünf Jahren zwischen Deutschland und England angesammelt worden ist, wird bei einer Wahl Hindenburgs nur allzu schnell in die Binsen gehen und Deutschland wird […] wieder einmal der Blamierte sein." Doch trotz der Wahl Hindenburgs fand sein außenpolitischer Pessimismus zunächst keine Bestätigung. Stattdessen gelang es, die Annäherung in den Vertrag von Locarno münden zu lassen, den er als große Leistung Stresemanns anerkannte.


      Persönliche Kontakte als Grundlage der Diplomatie [Bearbeiten]Große Bedeutung für die Arbeit des Diplomaten Albrecht Graf von Bernstorff waren seine zahlreichen persönlichen Kontakte: Er pflegte auch in London neben den alten Freundschaften aus Oxforder Studientagen weiterhin seine Verbindungen ins Auswärtige Amt, besonders zu Kurt Riezler und Friedrich Gaus; daneben zu Wilhelm Solf, mittlerweile deutscher Botschafter in Japan, dessen Frau Hanna ihn mit Tochter Lagi in London besuchte, außerdem zu Hjalmar Schacht, Theodor Heuss und Siegfried von Kardorff. Besonders wichtig waren die Kontakte zu Mitarbeitern des Foreign Office und Unterhausabgeordneten, wie Philip Snowden und Herbert Asquith. Neue Freundschaften führten Bernstorff auch häufig nach Cambridge, wo er u.a. den einflussreichen Literaturkritiker Clive Bell traf. Er gehörte dem vornehmen Londoner Toby's Club an und spielte im Queen's Club Tennis. Über die Kulturarbeit der Botschaft begegnete er Lion Feuchtwanger, John Masefield und Edith Sitwell. Das Pferderennen von Ascot, die Chelsea Flower Show und die Wimbledon Championships waren wie selbstverständlich auch für Bernstorff Höhepunkte des gesellschaftlichen Lebens. Alles in allem gehörte er als einer der wenigen Deutschen zu den gern gesehenen Gästen der britischen Elite und konnte dies auch für die Diplomatie nutzen.

      In der oberen Etage der Weltpolitik: 1929-1933
      Geschäftsträger der Botschaft
      Anfang 1929 kam Bewegung in die Personalpolitik, als der inzwischen 72-jährige Botschafter Sthamer seinen Rücktritt ankündigte und das Auswärtige Amt nun offiziell einen Nachfolger suchte. Im Gespräch waren Harry Graf Kessler, der konservative Reichstagsabgeordnete Hans Erdmann von Lindeiner-Wildau, der bisherige Botschafter in Stockholm Rudolf Nadolny sowie der Botschafter in Rom Konstantin Freiherr von Neurath. Die Wahl fiel auf letzteren, der am 3. November 1930 sein Amt in London antrat. Zeitgleich mit Sthamer wurde auch der Botschaftsrat Dieckhoff abgezogen, dessen Vertretung der Gesandtschaftsrat II. Klasse Albrecht Graf von Bernstorff übernahm. Dabei hoffte er auf eine dauerhafte Berufung auf diesen Posten und damit auf seinen Aufstieg in den „innersten Maschinenraum des diplomatischen Weltgetriebes". Am 12. Februar 1931 erfolgte tatsächlich die angestrebte Beförderung, bei der er sogar einen Rang der diplomatischen Karriereleiter übersprang.

      In der deutschen Außenpolitik hatte sich unter Außenminister Julius Curtius eine stärkere Betonung der Revision des Versailler Vertrages herausgebildet, was zu einer Abkehr von der Stresemann'schen Verständigung mit Frankreich führte. Gleichzeitig beobachtete Bernstorff den aufkommenden Nationalsozialismus mit Sorge. In Großbritannien hatte die Wahl vom Juni 1929 für unklare Verhältnisse gesorgt: Die Labour Party stellte zum ersten Mal mit Ramsay MacDonald den Premierminister in einer von den Liberalen tolerierten Minderheitsregierung. Diese erwies sich aber angesichts der Weltwirtschaftskrise als vollkommen überfordert, weshalb die drei großen Parteien, Konservative, Liberale und Labour, eine Koalition eingingen. MacDonalds sogenanntes „National Government" entwickelte sich aber aufgrund zahlreicher Parteiaustritte auf Seiten der linken Kräfte als fast rein konservative Regierung. Diese Vorgänge sorgten auch in der deutschen Botschaft für Unruhe, da sie in den deutsch-britischen Beziehungen zu großer Unsicherheit führten.

      1930 fand in London die Flottenkonferenz statt, auf der Vertreter der USA, Belgiens, Frankreichs, Deutschlands, Italiens, Japans und Großbritanniens beteiligt waren. Dort verlängerten die Großmächte die Baupause für Kriegsschiffe bis 1936 und verboten den Einsatz von U-Booten gänzlich. Doch insgesamt war die außenpolitische Gefühlslage eine andere als noch in Locarno: „Wir sind an einem Punkt angekommen, wo eine Politik der Verständigung beim besten Willen der Führer unmöglich gemacht wird durch die Schreiereien der Masse. […] Das kann für Europa noch tragisch enden." Im Oktober 1930 erschien im Daily Herald ein Artikel, der von Bernstorff verfasst worden war, unter dem Titel „All in a Diplomat's day". In einer Glosse des selben Blattes wurde Bernstorff als der ausländische Diplomat bezeichnet, der sich am besten in die Londoner Gesellschaft integriert habe. „Jeder kennt ihn, weil er selbst jedermann kennen will."

      Seit Anfang August 1931 war Botschafter Neurath auf Urlaub, weshalb Bernstorff für mehrere Monate die Geschäfte übernahm. Er genoss die Unabhängigkeit, die er als Geschäftsträger hatte. Im Januar 1932 erkrankte Neurath für vier Monate und Bernstorff konnte erneut als Geschäftsträger fungieren. Zudem häuften sich die Gerüchte aus Berlin, dass nach dem Rücktritt von Außenminister Curtius Neurath als dessen Nachfolger gehandelt würde. Zunächst übernahm Reichskanzler Heinrich Brüning selbst das Außenressort. Doch nach dem Regierungswechsel reiste Neurath am 1. Juni 1932 nach Berlin, um über seinen Eintritt ins Kabinett Papen zu verhandeln. Bereits zwei Tage später kehrte er nach London zurück, um an der Botschaft seinen Abschied zu nehmen. So waren seine zwei Jahre Dienstzeit in London überwiegend von Abwesenheit geprägt. Bis zur Ernennung des neuen Botschafters war Bernstorff erneut Geschäftsträger der Botschaft. Seine gesellschaftlichen und politischen Kontakte hatten den Kenner der englischen Verhältnisse bereits zuvor zum eigentlichen Herrn der Botschaft gemacht.

      Wiedererrichtung der Rhodes-Stipendien
      Der Sitz der Rhodes-Stiftung in Oxford.Seit seiner Rückkehr nach England beschäftigte sich Albrecht Graf von Bernstorff mit der Wiederherstellung der Rhodes-Stipendien für deutsche Studenten. Seit 1916, als Großbritannien mit dem Deutschen Reich im Krieg stand, hatte die Rhodes-Stiftung die Stipendien für deutsche Studierende ausgesetzt. Zwar wurden die ehemaligen Stipendiaten auch weiterhin zu Veranstaltungen nach Oxford eingeladen und freundschaftliche Kontakte gepflegt, doch stieß der Wunsch nach deutschen Neustipendiaten auf starken Widerstand.

      Für die Wiedererrichtung der Stipendien konnte Bernstorff seine Kontakt wirksam einsetzen: Besonders das Stiftungsmitglied Otto Beit, der einflussreiche Journalist und Politiker Philip Kerr, 11th Marquess of Lothian. Auf deutscher Seite unterstützte der Industrielle Carl Duisberg das Projekt. Auch Richard von Kühlmann und Frederick Edwin Smith, 1. Earl of Birkenhead versprachen ebenfalls, in Deutschland und England finanzielle Mittel aufzutreiben. So konnte anlässlich des 25-jährigen Bestehens der Rhodes-Stiftung im Juni 1929 der Premierminister Stanley Baldwin die Neuerrichtung von zwei Stipendien für zwei Jahre bekanntgeben. Dadurch, dass es sich hierbei offiziell um zwei komplett neue Stipendienplätze handelte, konnte eine Parlamentsdebatte geschickt umgangen werden. Kronprinz Edward stimmte diesem Schritt zu. Dieses Ereignis stieß in der britischen Öffentlichkeit auf große Resonanz. Gleichzeitig teilte die Rhodes-Stiftung den deutschen Altstipendiaten vertraulich mit, dass es einen rein deutschen Auswahlausschuss geben solle und die Zahl der Stipendien langfristig auf fünf aufgestockt werde.

      Bereits am 15. Juli 1929 sandte Bernstorff eine Denkschrift nach Oxford, in der er Vorschläge für die Zusammensetzung des Auswahlausschusses unterbreitete: Neben vier ehemaligen Stipendiaten sollten drei unabhängige Mitglieder berufen werden; für diese Posten empfahl er Friedrich Schmidt-Ott, den letzten königlich-preußischen Kultusminister, Adolf Morsbach aus dem Vorstand der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft und seinen eigenen Förderer Wilhelm Solf. Im September modifizierte Bernstorff seinen Vorschlag und brachte weitere Namen ins Gespräch. Die Trustees folgten in weiten Teilen seinen Empfehlungen und beriefen am 10. Oktober 1929 Schmidt-Ott, den ehemaligen Außenminister Walter Simons, Adolf Morsbach, den Juristen Albrecht Mendelssohn-Bartholdy, der Staatswissenschaftler Carl Brinkmann sowie Bernstorffs Studienfreund Harald Mandt. Für sein eigenmächtiges Vorgehen musste Albrecht Graf von Bernstorff von Seiten der ehemaligen deutschen Stipendiaten harsche Kritik einstecken. Zudem befürchtete der Oxford-Absolvent und deutschnationale Reichstagsabgeordnete Lindeiner-Wildaus einen zu großen Einfluss der DDP auf das Auswahlkomitee. Zu den Sitzungen des Komitees, die von nun an wieder jährlich stattfanden, lud man nun stets namhafte Politiker ein: 1930 erschien Reichskanzler Brüning, 1932 kamen Außenminister Neurath und Finanzminister Graf Schwerin von Krosigk. Dies zeigt, welche Bedeutung die Politik der Rhodes-Stiftung beimaß und welchen diplomatischen Erfolg Bernstorff vor diesem Hintergrund errungen hatte.

      Auf der Sitzung des Auswahlkomitees 1930 lernte er den jungen Adam von Trott zu Solz kennen, der sich um ein Stipendium bewarb. Bernstorff mochte den „wirklich ganz besonderen Trott", dessen Fähigkeiten er erkannte und förderte. Zwischen beiden entwickelte sich eine Freundschaft, die sie durch regelmäßige Treffen in Oxford und Tagungen in Cambridge vertieften. So brachte die Rhodes-Stiftung zwei Männer zusammen, die später als kompromisslose Gegner des Nationalsozialismus aktiv Widerstand leisteten und dafür hingerichtet worden sind.

      Wendepunkt 1933
      „Ein Deutschland, das in einen Kasernenhof verwandelt wird, kann ich nicht im Ausland vertreten.
      - Albrecht Graf von Bernstorff, März 1933.

      Das Jahr 1933 begann für Albrecht Graf von Bernstorff gut: Er konnte sein zehnjähriges Dienstjubiläum an der Botschaft London feiern, was in der Deutschen Allgemeinen Zeitung mit einem Artikel gewürdigt wurde. Doch die Machtergreifung der NSDAP am 30. Januar 1933 war für Bernstorff vor allem eine große Schande: Er schäme sich nun, Deutscher zu sein, da es „diesem österreichischen Maulhelden" Adolf Hitler gelungen war, das deutsche Volk zu „verführen". Bernstorff schrieb nun zahlreiche Briefe an das Auswärtige Amt, in denen er den Chefdiplomaten die negativen Auswirkungen der Machtergreifung vor Augen führen wollte: Nahezu sämtliche ehemals deutsch-freundlichen Politiker wetterten gegen das Reich und die öffentliche Meinung in England werde sich schon wegen eines einzelnen Faktors, des Antisemitismus, nicht wieder verbessern. Wegen seiner oppositionellen Haltung schwärzten Journalisten des Völkischen Beobachters Bernstorff bereits am 26. März bei NS-Außenpolitiker Alfred Rosenberg an.

      Entgegen der auch bei Zeitzeugen verbreiteten Annahme quittierte Bernstorff nicht selbst den Dienst, wenngleich er darüber im März 1933 intensiv nachdachte. Im Mai 1933 nahm er für zwei Wochen Urlaub, um auf Stintenburg seine Freunde Eric M. Warburg und Enid Bagnold zu treffen. Etwa einen Monat, nachdem er in London wieder seine Arbeit aufgenommen hatte, erreichte ihn am 24. Juni 1933 die Nachricht, von seinem Posten abberufen zu werden. Bernstorff war von dieser Entscheidung überrascht und äußerst niedergeschlagen. Seine Abberufung fand einen starken Nachhall in der britischen Presse: Times, The Observer, Daily Telegraph, Morning Post, Evening Standard, Daily Express und Daily Herald berichteten darüber und sprachen von Anfängen einer politischen Säuberung in der deutschen Diplomatie. Auch in der deutschen Presse, namentlich in der Vossischen Zeitung und der Frankfurter Zeitung fanden sich Artikel über Bernstorffs Weggang - für einen Botschaftsrat äußerst ungewöhnlich und Beweis des Prestiges und des Erfolges Bernstorffs.

      Er selbst sah sich dagegen nicht als Opfer der Nationalsozialisten, sondern führte seine Abberufung auf eine Intrige im Auswärtigen Amt zurück, um den Aufstieg Otto von Bismarcks auf seinen Posten zu ermöglichen. Nach einer Reise nach Berlin gab er Ende Juli 1933 in London mehrere Abschiedsessen. Die Krönung dieses Abschiedes bildete sein Empfang bei Premierminister MacDonald am 8. August - eine Ehre, die normalerweise ausschließlich scheidenden Botschaftern vorbehalten war. Anschließend wurden ihm weitere Monate Urlaub verordnet, bevor er noch Ende August erfuhr, entweder das Amt des Generalkonsuls in Singapur zu übernehmen oder in den einstweiligen Ruhestand versetzt zu werden. Obwohl letzteres im Herbst 1933 erfolgte, hoffte Bernstorff noch mehrere Monate, bessere Stellenangebote vom Auswärtigen Amt zu erhalten und so bald - trotz bleibender politischer Bedenken - in den diplomatischen Dienst zurückzukehren. Erst im Dezember erkannte er: „Nun sind die Würfel gefallen. […] Das Auswärtige Amt hat viel zu viel Angst, mir auch nur einen Posten anzubieten. […]"

      Zeit des Nationalsozialismus: 1933-1945
      „Intellektuelle Aufrichtigkeit ist für mich wichtiger, als Karriere zu machen. Der Nationalsozialismus richtet sich gegen alles, wofür ich immer eingetreten bin: ‚Geist', Toleranz, Einsicht und Menschlichkeit."
      - Albrecht Graf von Bernstorff, 1933.

      Innere Emigration und A. E. Wassermann
      Bernstorff hatte sich nie in Berlin wohlgefühlt, doch nun schien ihm die Hauptstadt als sein Exil, wo er nur noch „vegetieren", nicht länger „leben" könne. Obwohl er seine zahlreichen Freundschaften weiterhin pflegte, flüchtete er sich vor der politischen Situation in Deutschland vor allem in Auslandsreisen. Bereits Anfang 1934 kehrte er nach England zurück, um Bekannte wiederzutreffen und Gespräche für die Rhodes-Stiftung zu führen, anschließend reiste er zu seinem Onkel Johann-Heinrich, der - selbst ebenfalls entschiedener Gegner des NS-Regimes - in die Schweiz emigriert war. Für Albrecht Graf von Bernstorff schien die eigene Auswanderung aber nie eine Alternative gewesen zu sein, da er sich Deutschland und insbesondere seiner Heimat Stintenburg verpflichtet fühlte. Trotz seiner psychischen Niedergeschlagenheit gelang es Bernstorff 1933 und 1934, vermehrt Bekanntschaften zu gleichaltrigen Frauen zu knüpfen und sogar eine Heirat in Erwägung zu ziehen.

      Es dauerte allerdings nicht lange, bis er eine neue Aufgabe fand und so seine innere Emigration beendete. Am 1. März 1934 trat Albrecht Graf von Bernstorff in den Dienst des traditionsreichen Berliner Bankhauses A. E. Wassermann. Der Firmensitz befand sich am Wilhelmplatz Nr. 7, direkt neben dem Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda. Entscheidend für den Einstieg bei der Bank war Bernstorffs persönliche Bekanntschaft zum Mitinhaber Joseph Hambuechen, den er 1931 in London kennengelernt hatte. Die Privatbank A. E. Wassermann hatte 1937 einen Umsatz von 13 Millionen Reichsmark, was auf ein verhältnismäßig kleines Institut hinweist. Das Bankhaus mit Filialen in Berlin und Bamberg befand sich nach wie vor mehrheitlich im Besitz der jüdischen Familie Wassermann. Als der Geschäftsführer Max von Wassermann im Oktober 1934 verstarb und sein Sohn Georg den Posten übernahm, stieg Bernstorff am 1. Mai 1935 zum „Generalbevollmächtigten" der Bank auf. Nun verfügte er als einziges Nicht-Familienmitglied in der Firmenleitung über ein hohes Festgehalt und hoffte auf die Gründung einer Filiale oder Tochtergesellschaft in London oder Washington, deren Führung er übernehmen könnte.

      Neben der unsicheren Situation seit dem Ausscheiden aus dem diplomatischen Dienst war für seinen Eintritt in die Privatbank auch das Bedürfnis, jüdischen Freunden zu helfen, von Bedeutung. Das Eintreten in eine nach den Nürnberger Rassegesetzen nicht-arische Bank war ein Akt der Verweigerung der NS-Ideologie gegenüber und daher mit erheblichen Gefahren verbunden. Seit der Machtergreifung vermittelte A. E. Wassermann Geschäfte für die Palästina-Treuhand-Gesellschaft, die über Devisenhandel günstige Kredite für Auswanderer nach Palästina gewährte. Daneben ermöglichte die Treuhand-Gesellschaft über den An- und Verkauf von Waren in unterschiedlichen Währungszonen den Geldtransfer nach Palästina. Gemeinsam mit dem ehemaligen Zentrums-Politiker und Diplomaten Richard Kuenzer unterstützte Bernstorff so die Alija Bet und wirkte daran mit, jüdisches Kapital vor dem Zugriff des NS-Regimes zu retten.

      Ab 1937 geriet A. E. Wassermann wegen seiner jüdischen Besitzer in Schwierigkeiten, weshalb die meisten Familienmitglieder den Vorstand verließen und durch externe, „arische" Teilhaber ersetzt wurden. Dies änderte aber im Grunde an der Situation nichts und im Juni 1938 gab die Bank dem Druck einer drohenden vollständigen Zwangs-Arisierung nach. Bernstorff war nun Mitinhaber, begriff sich selbst aber als „Treuhänder", der die Firmengeschäfte nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft an die rechtmäßigen Besitzer zurückgeben würde. Der notgedrungene Ausstieg der jüdischen Geschäftspartner belastete ihn schwer. Bereits am 24. März 1937 war Bernstorff auf seinen Wunsch hin in den dauernden Ruhestandes des diplomatischen Dienstes versetzt worden. Er reiste nun häufiger geschäftlich durch Deutschland, nicht zuletzt als Aufsichtsratmitglied zahlreicher Firmen: AG für Medizinische Produkte (Berlin), Ausstellungshalle am Zoo AG (Berlin), Concordia-Lloyd AG für Bausparer und Grundkredit (Berlin), „Eintracht" Braunkohlenwerke und Brikettfabrik (Welzow) und Rybniker Steinkohlen-Gesellschaft (Kattowitz). 1937 besuchte er die Weltausstellung in Paris.

      Widerstand gegen das Regime
      „[…] und das namenlose Elend der Juden, die jetzt jede Nacht in gewissen Schüben nach Osten verfrachtet werden, Menschen ohne Besitz und Namen, denen man alles nimmt. Die Bestie rast."
      - Albrecht Graf von Bernstorff, 1941.

      Offene Ablehnung
      Bernstorff hatte die Gefahr einer nationalsozialistischen Machtübernahme bereits vor 1933 erkannt, rechnete aber in den ersten Jahren der NS-Herrschaft mit einem schnellen Niedergang der Diktatur. Er glaubte an die Möglichkeit einer schnellen Rückkehr zur Republik oder sogar zu einer parlamentarischen Monarchie. Kronprinz Wilhelm erhalte nach wie vor mehr Applaus als die „Diktatur der Spießer". Die Machthaber empfand er als lächerlich und machte sich in Gesprächen und Briefen über sie lustig, was ihn zunehmend in Gefahr brachte. Adolf Hitler nannte er im Schriftverkehr mit Freunden grundsätzlich „Aaron Hirsch". Der inszenierte Röhm-Putsch erweckte für Bernstorff den Eindruck, das Ende des Regimes stehe unmittelbar bevor. Für ihn waren die Methoden der Nazis die gleichen wie die der sowjetischen Tscheka und er traute es dem deutschen Volk nicht zu, ein solches Regime in seinem Land lange zu dulden.

      Die Freundschaft zu Adam von Trott zu Solz war Bernstorffs wichtigster Kontakt zum aktiven Widerstand.Je mehr sich die nationalsozialistische Diktatur aber festigte, desto größer wurde Bernstorffs Verzweiflung. Der Nationalsozialismus sei der „Triumph des mittelmäßigen Mannes" und er könne kaum Unterschiede zwischen Faschismus und Kommunismus erkennen. Bernstorff war sicher, dass ein Kriegsausbruch nicht lange hinausgezögert werden würde. Den Einmarsch in Österreich und der Überfall auf Polen am 1. September 1939 bestätigten ihn in diesen Befürchtungen und in seiner Ablehnung der Machthaber. In seinem Freundeskreis in Deutschland und England erzählte er Witze über die führenden Repräsentanten der Diktatur: „Warum versagt Adolf Hitler sich jeder Frau? - Er wartet auf Sankt Helena"; „Eine Bombe schlägt zwischen Hitler, Mussolini und Stalin ein. Wer überlebt? - Europa." Während die meisten NS-kritischen Deutschen solche Witze nur hinter vorgehaltener Hand erzählten, tat es Bernstorff öffentlich und ohne Scheu. Gerade dadurch versuchte er, den Blick auf die Herrschenden zu relativieren, während er sich gleichzeitig selbst in das Blickfeld der Gestapo brachte.

      Kontakte zu Widerstandsgruppen [Bearbeiten]Bernstorff verfügte über eine Vielzahl von Kontakten in den offensiven Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Die Freundschaft zu Adam von Trott zu Solz war sein bedeutendster Kontakt zu aktiven Kräften, die einen Umsturz der NS-Diktatur herbeiführen wollten. Trott und Bernstorff standen schon allein durch die gemeinsame Tätigkeit im Rhodes-Komitee in Verbindung, doch daneben war Trott auch regelmäßig bei Bernstorff zu Gast und erhielt von diesem Empfehlungen und Kontakte, die ihm für seine Karriere von Nutzen waren, so etwa die Vermittlung des Referendariatsplatzes bei dem Anwalt Paul Leverkuehn. Daneben suchte Bernstorff Verbindungen zu NS-kritischen Journalisten wie Paul Scheffer und Friedrich Sieburg. Schließlich war er auch über Trott mit dem Kreisauer Kreis und der Gruppe um Ernst von Weizsäcker verbunden.

      Um Hanna Solf bildete sich der oppositionelle Solf-Kreis, dem Bernstorff angehörte.Bereits in den 1920er Jahren war Bernstorff regelmäßiger Gast im SeSiSo-Club gewesen und beteiligte sich nun auch als Mitglied im Solf-Kreis, der sich um die Witwe des ehemaligen Außenstaatssekretärs, Hanna Solf gebildet hatte. Die einzelnen Teilnehmer der Tee-Gesellschaften im Haus der Solfs an der Berliner Alsenstraße hatten Kontakte zu anderen Widerstandsgruppen und halfen Verfolgten. Während Trott nur hin und wieder erschien, gehörte Bernstorff zum Kern des Zirkels, der, obwohl im Solf-Kreis keine Umsturzpläne entwickelt worden sind, zu den wichtigsten Gruppen der bürgerlich-liberalen Opposition gegen den Nationalsozialismus gehört. Im Solf-Kreis kamen auch viele ehemalige Kollegen aus dem Auswärtigen Amt zusammen. Zu den Mitgliedern gehörten u.a. Richard Kuenzer, Arthur Zarden, Maria Gräfin von Maltzan, Elisabeth von Thadden, Herbert Mumm von Schwarzenstein und Wilhelm Staehle. An den Planungen für den Umsturzversuch des 20. Juli 1944 waren die Mitglieder des Kreises nur mittelbar beteiligt. Bernstorff selbst suchte über Trott einen engeren Kontakt zum Kreisauer Kreis, dessen fortschrittliche Ideen ihn interessierten. Doch gerade die Eigenschaften, die ihm als Diplomat von Nutzen waren, seine Offenheit, Gesprächigkeit und Kontaktfreudigkeit, schlossen eine Mitwirkung im Kreis der Verschwörer vom 20. Juli aus: Helmuth James Graf von Moltke und Adam von Trott bewerteten ihn als Sicherheitsrisiko für den Widerstand und so kam eine direkte Mitwirkung Bernstorffs in Kreisau oder im Kreis um Claus Schenk Graf von Stauffenberg nicht zustande.

      Kontakte ins Ausland
      Bernstorff hielt weiterhin zahlreiche Verbindungen ins Ausland und versuchte, Briten, Amerikaner, Holländer, Dänen, Schweizer und Franzosen dabei zu helfen, ein wahrheitsgemäßes Deutschlandsbild zu gewinnen. So versuchte er beispielsweise, im „Evening Standard" über die Verbrechen der Nationalsozialisten zu berichten. Aus Sorge um seine Sicherheit verhinderten Bernstorffs britische Freunde jedoch die Veröffentlichung. Gegenüber Dänen und Niederländern warnte er vor den bevorstehenden Überfällen. Gemeinsam mit Adam von Trott bemühte sich Bernstorff bis Kriegsausbruch, den Auswahlausschuss der Rhodes-Stiftung vor den Eingriffen der Machthaber zu schützen, was nicht gelang. Gerade die britische Seite, dort besonders Lord Lothian, ein führender Kopf der Appeasement-Politik, unterschätzten das Risiko, das von NS-Deutschland ausging. Bernstorff hielt außerdem Kontakt zum im Luzerner Exil lebenden Altreichskanzler Joseph Wirth und verstand sich als Verbindungsmann zwischen diesem und dem Kreisauer Kreis.

      Unterstützung für Verfolgte
      Albrecht Graf von Bernstorff half aktiv Menschen, die vom nationalsozialistischen Regime verfolgt wurden - nicht nur durch seine Tätigkeit im Bankhaus „A. E. Wassermann", sondern auch durch direkte Hilfe, etwa das Versteckthalten jüdischer Freunde. Gut dokumentiert ist seine Unterstützung für seinen langjährigen Freund Ernst Kantorowicz, den Bernstorff bei sich unterbrachte, seitdem er gehört hatte, es solle zur Reichspogromnacht kommen. Mit seiner Unterstützung gelang es Kantorowicz, noch 1938 Deutschland zu verlassen und in Amerika den Holocaust zu überleben. Auch Jonah von Ustinov mit seiner Frau Nadja und seinem Sohn Peter hielt er in seiner Berliner Wohnung und auf Stintenburg versteckt. Darüber hinaus war Bernstorff behilflich, als die Villa Liebermann, die einst Max Liebermann, dem verstorbenen Schwiegervater des mittlerweile emigrierten Kurt Riezlers, gehörte, verkauft wurde. Außerdem bemühte er sich um Visa und Pässe für jüdische Deutsche, darunter Martha Liebermann - in diesem Fall letztlich erfolglos: Sie beging vor ihrer drohenden Deportation in das KZ Theresienstadt Suizid. Das gesamte Ausmaß der Hilfe Bernstorffs für die von den Nationalsozialisten Verfolgten ist bis heute nur bruchstückhaft erforscht und lässt sich daher nur unzureichend rekonstruieren.

      Haft im KZ Dachau
      Am 22. Mai 1940 kehrte Albrecht Graf von Bernstorff von einer Schweiz-Reise, auf der er sich auch mit Joseph Wirth getroffen hatte, nach Berlin zurück, wo er von der Gestapo in seiner Wohnung verhaftet wurde. Nachdem er zunächst in das Gefängnis Prinz-Albrecht-Straße gebracht worden war, erfolgte am 1. Juni 1940 seine Überstellung in das Konzentrationslager Dachau. Die Gründe für seine Verhaftung sind letztlich unklar. Seine zahlreichen Auslandskontakte, die als Landesverrat gewertet werden konnten, und sein öffentliches Auftreten in Berlin ergaben für die Nationalsozialisten genug Verdachtmomente für eine Überwachung. Daneben besteht die Vermutung, dass Bernstorff Opfer einer Familienintrige um den Erbvertrag geworden ist und er von seiner Schwägerin, die über enge Kontakte in die NS-Führungsrige verfügte, denunziert worden ist. Dabei handelt es sich allerdings um eine nicht hinreichend belegte Hypothese. Die tatsächlichen Hintergründe seiner Verhaftung sind nicht zuletzt wegen der schlechten Quellenlage nur unzureichend erforscht. Eindeutig festzustellen ist aber, dass Bernstorff wegen seiner regimekritischen Ansichten Opfer der Nationalsozialisten wurde - auf welche Weise die Denunziation schließlich zustande gekommen ist, erscheint zweitrangig.

      Sofort nach seiner Verhaftung bemühten sich Bernstorffs Schwestern und die Gräfin Reventlow um dessen Freilassung. Sie schalteten einen Rechtsanwalt ein, der im Endeffekt aber nicht erfolgreich war. Bernstorffs Freund Hans-Detlof von Winterfeldt betraute den Rechtsanwalt Carl Langbehn mit der Angelegenheit. Langbehn verhandelte in der Folgezeit zweimal mit Himmler, Heydrich und dem Leiter der Adjutantur des Reichsführers der SS, Karl Wolff. Am 27. September 1940 erfolgte schließlich Bernstorffs Freilassung aus Dachau, am 1. Oktober kam es zum Abschluss eines geänderten Erbvertrages. Dass dieser Bedingung für seine Freilassung war, wird vom Historiker Knut Hansen vermutet, kann jedoch nicht nachgewiesen werden. Letzten Endes sind auch hier die Gründe ungeklärt, offensichtlich spielte aber die Verbindung zwischen Bernstorffs Schwägerin und Karl Wolff eine Rolle.

      Nach seiner Freilassung nahm Bernstorff die Tätigkeit in der Bank trotz seiner körperlichen und seelischen Veränderungen seit der KZ-Haft sofort wieder auf. Reisen ins Ausland waren jetzt nur noch mit Sondergenehmigungen möglich, da er seinen Pass hatte abgeben müssen. Bis zu seinem Tod reiste Bernstorff noch zwei mal in die Schweiz. Ansonsten gab er seinen Bekannten Briefe an Freunde im Ausland mit und erhielt auf diesem Weg Informationen. Diese Verbindungen ins Ausland liefen im Kreis um Hanna Solf zusammen, zu dem Bernstorff gehörte. Bernstorff traf sich nun wieder mit Adam von Trott, der von den fortschreitenden Planungen für das Attentat auf Hitler berichtete. Über Richard Kuenzer verfügte der Solf-Kreis auch über Kontakte zu Carl Friedrich Goerdeler, der nach einem geglückten Umsturz als Reichskanzler eingesetzt worden wäre. Obwohl Bernstorff nun vorsichtiger sein musste, da er von der Gestapo beobachtet wurde, traf er sich weiterhin mit führenden Verschwörern vom 20. Juli: Den Außenpolitiker Ulrich von Hassell, Otto Kiep, Mitarbeiter von Wilhelm Canaris, sowie Rudolf von Scheliha traf er regelmäßig. Auch seine humanitäre Hilfe für Verfolgte setzte er, sofern es ihm möglich war, fort.

      Erneute Haft und Ermordung
      Als Albrecht Graf von Bernstorff im Juli 1943 von seiner letzten Schweizreise zurückkehrte, wurde er von der Gestapo verhaftet und wie drei Jahre zuvor in das Gefängnis in der Prinz-Albrecht


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