Graf Albrecht von Bernstorff

Graf Albrecht von Bernstorff

Male 1890 - 1945  (55 years)    Has more than 100 ancestors but no descendants in this family tree.

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  • Name Albrecht von Bernstorff 
    Prefix Graf 
    Relationshipwith Adam
    Born 6 Mar 1890  Berlin, DE Find all individuals with events at this location 
    Gender Male 
    Died Apr 1945  Berlin, DE Find all individuals with events at this location 
    Person ID I630621  Geneagraphie
    Last Modified 12 Sep 2008 

    Father Graf Andreas Petrus Albrecht von Bernstorff,   b. 20 May 1844, Berlin, DE Find all individuals with events at this location,   d. 21 Apr 1907, Berlin, DE Find all individuals with events at this location  (Age 62 years) 
    Mother Augusta von Hottinger,   b. 6 Sep 1860, Bel-Air Find all individuals with events at this location,   d. Yes, date unknown 
    Married 6 Sep 1881  Bel-Air Find all individuals with events at this location 
    Siblings 1 sibling 
     1. Graf Heinrich Eduard Eberhard Hieronymus von Bernstorff,   b. 25 Apr 1891, Berlin, DE Find all individuals with events at this location,   d. Yes, date unknown
     
    Family ID F274794  Group Sheet  |  Family Chart

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  • Notes 
    • Die identitĂ€tsstiftenden Orte seiner Jugend waren Berlin und der Familiensitz Stintenburg. Seine Schulausbildung erhielt er hauptsĂ€chlich durch Hausunterricht in der Reichshauptstadt. Obwohl die strenge ReligiositĂ€t des Vaters den Alltag prĂ€gte, ĂŒbernahm Albrecht nichts von diesem Charakterzug. Statt der vorgelebten Sittenstrenge fand er bereits in Jugendjahren zu LiberalitĂ€t und Toleranz gegenĂŒber Andersdenkenden. Oftmals verstĂ€rkte der Kontrast zur Lebensweise des Vaters diese Entwicklung noch, was teilweise zu Spannungen zwischen Vater und Sohn fĂŒhrte. Dagegen war das VerhĂ€ltnis zur Mutter ĂŒberaus innig. Erst kurz vor ihrem Tod kam es zu Verstimmungen in dieser Beziehung, als Bernstorff versuchte, sein Leben selbstĂ€ndig und unabhĂ€ngig von der Mutter zu fĂŒhren. Seine Emotionen zeugen von einer bis dato sehr engen Bindung zur Mutter.

      Seine Jugend verbrachte Bernstorff hauptsĂ€chlich in der Metropole Berlin, den Familiensitz Stintenburg kannte er lediglich von Ferienaufenthalten. Als Primaner wurde die Ausbildung durch Privatlehrer durch einen kurzen Besuch des Kaiserin-Augusta-Gymnasiums in Berlin ergĂ€nzt. Dort legte er 1908 sein Abitur ab. Besonderes Interesse brachte er dem Erlernen von Fremdsprachen entgegen, besonders des Englischen, das er seit seiner Jugend fließend sprach. Als 1907 sein Vater verstarb, wurde Albrecht Graf von Bernstorff mit nur 17 Jahren Familienoberhaupt und Gutsherr auf Stintenburg, bis zu seinem 25. Geburtstag allerdings unter der Vormundschaft seines Onkels. Nach dem bestandenen Abitur trat Albrecht Graf von Bernstorff in eine landwirtschaftliche Lehre auf einem Schlossgut in der Provinz Brandenburg ein.

      Rhodes-Stipendiat in Oxford 1909-1911
      Trinity College (Oxford). Der Studienaufenthalt in Oxford von 1909 bis 1911 prĂ€gte Albrecht Graf von Bernstorff entschieden mit.1909 erhielt Bernstorff die Nachricht, den Zuschlag fĂŒr ein Rhodes-Stipendium bekommen zu haben. Seit 1902 vergibt die Rhodes-Stiftung Vollstipendien an junge Menschen aus Großbritannien, den USA und Deutschland, das ihnen ein Studium an der renommierten University of Oxford ermöglicht. Bernstorff brach seine landwirtschaftliche Ausbildung ab und immatrikulierte sich am 8. Oktober 1909 als Student der Volkswirtschaftslehre am Trinity College. Dort erbrachte er gute Leistungen, die die Professoren ĂŒberwiegend mit „eminent satisfactory" bewerteten. Die herausragenden Möglichkeiten, die ihm Oxford bot, nutzte Bernstorff bereits, um eine denkbare diplomatische Karriere möglichst gut vorzubereiten. Er gehörte 1911 zu den MitbegrĂŒndern des „Hanover Club", einem deutsch-britischen Debattierclub, der das gegenseitige VerstĂ€ndnis fördern sollte. Das erste Wortgefecht betraf das Thema „Anglo-German Relations" und wurde von Bernstorff geleitet. Unter den deutschen Stipendiaten an der UniversitĂ€t Oxford nahm Bernstorff stets eine Sonderstellung ein, auch durch seine Beziehungen zum „Deutschen Oxford-Club", der deutschen Alumni-Organisation der Rhodes-Stiftung, vor der er schon im Dezember 1909, wenige Monate nach seiner Immatrikulation, von seinen Erfahrungen berichtete. Zum Abschluss seines Studienaufenthalts hielt Bernstorff im Namen aller Stipendiaten eine Rede vor Alfred Milner, 1. Viscount Milner, dem Gouverneur der Kapkolonie, und dem Botschaftsrat der Deutschen Botschaft London, Richard von KĂŒhlmann.

      In Oxford knĂŒpfte A.T.A., wie Bernstorff in AbkĂŒrzung seiner Vornamen in England genannt wurde, zahlreiche Freundschaften: Zu seinen Kommilitonen gehörten Adolf Marschall von Bieberstein, der Sohn des deutschen Botschafters in Konstantinopel, Alexander von Grunelius, ein elsĂ€ssischer Adliger und ebenfalls spĂ€terer Diplomat, Harald Mandt, spĂ€terer GeschĂ€ftsmann und ebenfalls Rhodes-Stipendiat, und der Brite, Mark Neven du Mont, der nach dem Studium zum einflussreichen Verleger aufstieg. Obwohl Bernstorff unter starkem Heuschnupfen litt, ruderte er fĂŒr sein College. In Oxford entwickelte er eine tiefe Zuneigung zur britischen Lebensart und festigte seine liberalen Ansichten. Charakteristisch dafĂŒr ist die starke Betonung des Begriffs „free competition": In einem freien Wettbewerb soll sich herausstellen, welche Vorstellung oder welche Person die Geeignetere oder Bessere ist - nicht nur in der Wirtschaft. Damit hatte er frĂŒh seine politische Heimat gefunden, der er zeitlebens treu blieb.

      1911 legte Bernstorff Diplome in „Political Science" und „Political Economie" ab. Als Essenz seiner Erfahrungen in Oxford verfasste er zudem mit Alexander von Grunelius die Schrift „Des Teutschen Scholaren Glossarium in Oxford", die zukĂŒnftigen Stipendiaten auf humorvolle Weise RatschlĂ€ge fĂŒr das Studium in Oxford und Hinweise zu englischen Eigenarten mit auf den Weg gab. Den unkomplizierten Umgangston und ein gewisses ÜberlegenheitsgefĂŒhl, einer Elite anzugehören, beschrieb er nicht nur, er machte es sich ĂŒber die Jahre selbst zu eigen.

      Studium in Berlin und Kiel: 1911-1914
      Die RĂŒckkehr aus England fiel Bernstorff nicht leicht. Er schrieb sich zunĂ€chst als Student der Rechtswissenschaft an der Friedrich-Wilhelms-UniversitĂ€t in Berlin ein. Doch ab dem 1. Oktober 1911 musste er seinen MilitĂ€rdienst ableisten. Als EinjĂ€hrig-Freiwilliger ging er zum renommierten Garde-KĂŒrassier-Regiment. Nach nur einem halben Jahr wurde er wegen Heuschnupfen und AsthmaanfĂ€llen, die aus einer Pferdehaarallergie resultierten, entlassen. Dem MilitĂ€rwesen begegnete Bernstorff ohnehin mit großer Distanz. Er ging an die Christian-Albrechts-UniversitĂ€t zu Kiel, wo er das Jura-, Staatswissenschafts- und Volkswirtschaftslehre-Studium fortsetzen konnte. Nach den EindrĂŒcken aus Oxford wirkte Kiel allerdings provinziell auf Bernstorff. Er versuchte, der Stadt möglichst oft zu entkommen: So konnte er Stintenburg als Fluchtpunkt nutzen, wohin er sich seit dem Sommer 1912 zahlreiche Freunde einlud. Daneben kĂŒmmerte er sich um Friedrich von Bethmann Hollweg, den Sohn des Reichskanzlers Theobald von Bethmann Hollweg. Neben Stintenburg hielt sich Bernstorff hĂ€ufig in Berlin auf, wo er mit seinem Onkel Johann Heinrich Graf von Bernstorff erste politische GesprĂ€che fĂŒhrte. Johann Heinrich Graf von Bernstorff war ein einflussreicher Diplomat und außenpolitischer Berater Bethmann Hollwegs und zum damaligen Zeitpunkt deutscher Botschafter in Washington. Seine liberalen Ansichten und seine Erfahrungen in der Diplomatie machten ihn zu einem Vorbild fĂŒr seinen Neffen Albrecht. „Vielleicht wird die Rolle des Onkels fĂŒr mein Leben noch sehr mitbestimmend werden. Alles, was ich seit meinen Kinderjahren erstrebt habe, vertritt er ja eigentlich."

      Im April 1913 reiste Albrecht Graf von Bernstorff nach England. Neben Besuchen in Oxford und London verbrachte er einige Tage auf der Isle of Wight. Er wurde immer mehr von Selbstzweifeln befallen und hatte Angst, den an ihn gestellten Erwartungen niemals genĂŒgen zu können. Insbesondere der Aufenthalt in Oxford belastete ihn emotional sehr schwer, was beinahe in Selbstmord mĂŒndete. „Als junger Mann war er weich, leicht entmutigt und trĂŒben Gedanken zugĂ€nglich." Auch spĂ€ter befielen ihn immer wieder Depressionen und tiefsitzende Angst, nicht gut genug zu sein oder „nicht das richtige Leben zu fĂŒhren". Er versuchte dann, seinen Emotionen durch erhöhte AktivitĂ€t zu kompensieren. Gerade zu dieser Zeit beschloss er, einmal Parlamentarier zu werden.

      Am 1. August 1914 brach der Erste Weltkrieg aus. WĂ€hrend dies die Mehrheit seiner Zeitgenossen in patriotische Hochstimmung versetzte, quĂ€lte ihn der Gedanke, vielleicht selbst kĂ€mpfen zu mĂŒssen. „Da es mir an Begeisterung etwas fehlt - der Krieg ist das Schreckgespenst meines Lebens - gegen die westlichen Nachbarn, so weiß ich nicht, ob es meine Pflicht ist, zu gehen, ehe ich gerufen werde. [
] Dass wirklich Krieg ist, erscheint mir immer noch ein böser Traum." Bernstorff versuchte, sich durch eine verstĂ€rkte BeschĂ€ftigung mit Kunst ablenken zu können. Er las die englischen Autoren John Galsworthy, Robert Louis Stevenson und H. G. Wells. Daneben besuchte er die UrauffĂŒhrung von George Bernard Shaws „Pygmalion". Zum deutschen Expressionismus fand er ĂŒber RenĂ© Schickele und Ernst Stadler einen Zugang, wĂ€hrend ihn auf der BĂŒhne vor allem der Jugendstil-Dichter Karl Gustav Vollmoeller interessierte. Bernstorff setzte sich auch mit den Werken Stefan Georges auseinander, dessen mythisch-sakralen Vorstellungen er aber ablehnte. Er las Werke des Philosophen Henri Bergson und bewunderte die Dichtungen des Inders Rabindranath Thakur. Außerdem begeisterte ihn der Chassidismus, eine die Offenbarung in der Natur betonende Lehre des Judentums.

      So sehr Albrecht Graf von Bernstorff seine Kieler Jahre als nutzlos ansah, entstand damals die tiefste Beziehung seines Lebens. Er lernte Elisabeth Benvenuta GrĂ€fin von Reventlow, genannt Elly, kennen, die mit Theodor Graf von Reventlow, dem Gutsherrn von Altenhof (bei Eckernförde) verheiratet war. Bernstorff war hĂ€ufig zu Besuch auf Altenhof und er entwickelte eine sehr enge Beziehung zu Elly Reventlow. Sie sei „die Frau meines Lebens, die große Erfahrung meines Daseins". Auch wenn beide keine Liebesbeziehung verband - Reventlow war verheiratet und ihrem Mann treu - gelang es, eine tiefe freundschaftliche Vertrautheit zwischen ihnen ein Leben lang aufrecht zu erhalten.

      Bereits am 1. November 1913 hatte Bernstorff sich im AuswĂ€rtigen Amt vorgestellt, wo man ihm riet, nach seinem Examen wiederzukommen. Dieses konnte er am 16. Juni 1914 an der UniversitĂ€t Kiel ablegen und begann wenige Tage spĂ€ter am Amtsgericht Gettorf sein Referendariat, das bis ins Jahr 1915 dauern sollte. Er bemĂŒhte sich, nach dem Referendariat in den diplomatischen Dienst aufgenommen zu werden, auch um einem trotz seiner eingeschrĂ€nkten gesundheitlichen Eignung drohenden Einzug zum MilitĂ€rdienst zuvor zu kommen. Bereits am 14. Juli 1914 schickte er der Personalabteilung des AuswĂ€rtigen Amtes sein Aufnahmegesuch; zudem nahm sein Onkel Percy Graf von Bernstorff zu seinen Gunsten Einfluss. Dennoch dauerte es bis zum 8. Januar 1915, bis Albrecht Graf von Bernstorff seinen Dienst antreten konnte: Sein erster Posten war der eines AttachĂ©s an der deutschen Botschaft Wien.

      Erster Weltkrieg in Wien: 1914-1917
      Diplomatische Lehrjahre: 1914-1915
      Das pulsierende kulturelle Leben Wiens hatte Einfluss auf den jungen Diplomaten Bernstorff.Albrecht Graf von Bernstorff trat seinen Posten in Wien gerne an und freute sich, wieder im Ausland zu sein. Der deutschen Botschaft stand zu dieser Zeit Heinrich Leonhard von Tschirschky und Bögendorff vor, mit dem er allerdings zunĂ€chst weniger zu tun hatte. Nachdem Bernstorff zunĂ€chst mit rein bĂŒrokratischen TĂ€tigkeiten betraut wurde, wĂŒnschte er sich zunehmend, mehr politische Aufgaben ĂŒbernehmen zu können. Er begriff bereits in den ersten Wochen seiner TĂ€tigkeit in Wien, dass die deutsche Vertretung im Ersten Weltkrieg eine herausragende Rolle spielte. Von dort nahm die deutsche Diplomatie Einfluss auf die Meinungsbildung der österreichischen Regierung und umgekehrt.Auch Bernstorff war, trotz seiner niedrigen Position und seines jugendlichen Alters, fast von Beginn an in diese VorgĂ€nge involviert und verstand es, dienstliche und private Angelegenheiten eng zu verknĂŒpfen. In Wien erlebte Bernstorff die ausgehende Habsburg-Monarchie; er wurde sogar schon am 27. Januar 1915 dem greisen Kaiser Franz Joseph vorgestellt, dessen „Aura" ihn tief beeindruckte.[19] Daneben lernte er bald einflussreiche Politiker Österreich-Ungarns kennen, darunter den Außenminister Stephan Baron BuriĂĄn, den Hofmeister Alfred von Montenuovo und den MinisterprĂ€sidenten Karl StĂŒrgkh. Inhaltlich befasste sich Bernstorff in den ersten Monaten vor allem mit dem neutralen Italien. Die Botschaft versuchte vergeblich, einen Kriegseintritt Italiens auf Seiten der Entente zu verhindern.

      Im Winter 1915 richtete Bernstorff unter Nennung seiner Funktion als AttachĂ© eine Petition an den Reichstag, in der er im Namen aller deutschen Rhodes-Stipendiaten eine besonders gute Behandlung aller in deutscher Kriegsgefangenschaft befindlichen ehemaligen Studenten der UniversitĂ€ten Oxford und Cambridge erbat. Diese ungewöhnliche Forderung stellte ein bewusstes Dienstvergehen dar, wofĂŒr Bernstorff ermahnt wurde. Seine bereits damals guten Beziehungen zu EntscheidungstrĂ€gern im AuswĂ€rtigen Amt und der Reichskanzlei, insbesondere zu Julius Graf von Zech-Burkersroda, Kurt Riezler und Richard von KĂŒhlmann, verschafften ihm aber großen Eindruck, weshalb das Vergehen seine Position in keiner Weise erschĂŒtterte. Daneben herrschte auch zu seinem unmittelbaren Dienstherrn, Botschafter Tschirschky, ein gutes VerhĂ€ltnis. Tschirschky lobte ihn als ĂŒberdurchschnittlich begabtes, junges Talent und schrieb regelmĂ€ĂŸig gute Beurteilungen fĂŒr ihn.

      Politisch orientierte er sich an der bĂŒrgerlich-demokratischen Fortschrittlichen Volkspartei und unterstĂŒtzte seit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges die Burgfriedenspolitik des Reichskanzlers Theobald von Bethmann Hollweg, den er mit deutlicher Sympathie betrachtete und große Hoffnungen in ihn setzte. Wie bei vielen Liberalen wandelte sich jedoch auch Bernstorffs Ansicht, als Bethmann Hollweg den Alldeutschen zu große ZugestĂ€ndnisse machte. Im Winter 1915/1916 hielten sich zahlreiche offizielle GĂ€ste in der Botschaft auf, neben österreichischen Honoratioren auch deutsche Politiker und sogar neben dem österreichischen Thronfolger Karl auch zwei Mal Kaiser Wilhelm II.. Besonderen Eindruck machten die Veranstaltungen deutscher liberaler Politiker, darunter Bernhard Dernburg und allen voran Friedrich Naumann. Bernstorff befasste sich intensiv mit Naumanns Buch „Mitteleuropa", in dem dieser eine liberale Vision eines friedlichen Wettbewerbs der Nationen zeichnete, sich jedoch gleichzeitig eine deutsche Hegemonie in Europa wĂŒnschte.

      Insgesamt festigte sich sein politisches Weltbild durch den Krieg: Die Schlacht bei Ypern und ab 1916 die Schlacht von Verdun mit ihren unfassbaren Opferzahlen fĂŒhrten zu einer scharfen Ablehnung des Krieges. Bernstorff schrieb: „Ob nicht wirklich der soziale Staat der Zukunft sich auf wirtschaftliche KĂ€mpfe beschrĂ€nken wird, nicht auf organisierte Gemeinheit?" Die Ansichten der MilitĂ€rs verurteilte er heftig: Die Marine-Politik Alfred von Tirpitz' nannte er „alldeutschen Terrorismus" und wĂŒnschte Tirpitz an den Galgen.Er befĂŒrchtete nicht nur ein wirtschaftliches Elend in der Zeit nach dem Weltkrieg, sondern auch die Möglichkeit politischer Extreme: „Die Verletzung auf beiden Seiten war so infam, dass man sie nie ganz wird vergessen können und immer vor der Explosion der niedrigsten Instinkte der Massen wird auf der Lauer sein mĂŒssen." Außenpolitisch erhoffte er sich einen Ausgleichsfrieden mit den USA als Vermittler. Nach innen sollte das Kaiserreich grundlegend reformiert und demokratisiert werden. Doch dafĂŒr ist fĂŒr ihn eine große, demokratische konservative Kraft nötig, die gemeinsam mit den Liberalen eine Regierung bilden könnte. DafĂŒr mĂŒssten sich die Konservativen aber seines Erachtens viel stĂ€rker vom erstarkenden alldeutschen Nationalismus abgrenzen.

      „Es gibt Augenblicke, wo ich mich frage, ob ich im Staatsdienst bleiben kann, wenn das so weiter geht - diese Art von Deutschtum zu vertreten, ist mir unmöglich, und nur der Wunsch, sich nicht herausekeln zu lassen [
] und die Hoffnung auf andere Zeiten hĂ€lt einen."

      Auf dem Weg zu sich selbst: 1915-1917
      Albrecht Graf von Bernstorff.Wien bedeutete fĂŒr Albrecht Bernstorff weit mehr als Politik und Diplomatie. Er schloss in dieser Zeit zahlreiche Bekanntschaften und versuchte, durch die Auseinandersetzung mit Kunst und Literatur seinen eigenen geistigen Weg zu finden. Die Kreise, in denen er sich bewegte, waren durchweg elitĂ€r und von großer Kulturbeflissenheit geprĂ€gt. Er traf sich hĂ€ufig mit dem österreichischen liberalen Politiker Josef Redlich, den Literaten Hugo von Hofmannsthal und Jacob Wassermann sowie dem Bankier Louis Nathaniel von Rothschild und dessen Bruder Alphonse. Bernstorff war des Öfteren auf den Rothschild'schen Besitzungen in Langau bei Wien. Die Lyrik Hugo von Hofmannsthal war bereits vor der Bekanntschaft mit ihm fĂŒr den jungen AttachĂ© ein Thema gewesen. Bernstorff freute sich ĂŒber die Freundschaft zu ihm und genoss die geistvollen GesprĂ€che, die sein Interesse fĂŒr Poesie noch stĂ€rkten. Ähnliches gilt fĂŒr Wassermann, dessen Selbstdisziplin er bewunderte. Insgesamt kann diese Zeit als die „Àsthetischen Jahre" Bernstorffs bezeichnet werden.

      Diese fanden ihren Höhepunkt in einer zweiwöchigen Rundreise, die ihn im Sommer 1916 zunĂ€chst nach Bad Gastein fĂŒhrte, darauf nach Altaussee, wo er seine Freunde Redlich, Wassermann und Hofmannsthal gemeinsam mit dem Dichter Arthur Schnitzler antraf. Weiter ging es nach Salzburg, das er sich von dem Schriftsteller Hermann Bahr zeigen ließ. Die Reise endete in MĂŒnchen, wo er Rainer Maria Rilke besuchte. Diese Begegnung war fĂŒr Bernstorff ein prĂ€gendes Erlebnis. Beeindruckt erwarb er sĂ€mtliche Werke des Dichters - die Grundlage fĂŒr seine spĂ€ter Ă€ußerst umfangreiche Sammlung moderner Lyrik. Bis in den November 1917 sah Bernstorff Rilke noch mehrmals und blieb dann noch lĂ€nger mit ihm in Briefkontakt. Er abonnierte die Neue Rundschau und besuchte fast tĂ€glich klassische Konzerte, besonders Richard Strauss, dessen Bekanntschaft er im Oktober 1916 machte, fesselte ihn. Daneben beobachtete er die Werke des jungen Komponisten Erich Wolfgang Korngold.

      Der bildenden Kunst brachte Bernstorff dagegen weniger Interesse entgegen. Nur ein Maler konnte ihn wirklich begeistern: Der Wiener Victor Hammer schuf 1917 auch mehrere Portraitbilder des Diplomaten, von denen eines sogar auf der Wiener Secession ausgestellt wurde. Daneben reiste er viel: Allein in den drei Jahren nahm er zehnmal Urlaub, um Wien zu verlassen. Seine Ziele waren Linz, Marienbad, Pressburg, Budapest, Dresden oder Berlin, von wo aus er stets Abstecher nach Stintenburg und Altenhof machte. Diese glĂŒcklichen Tage des Jagens und Naturgenusses, die er sehr genoss, standen im scharfen Kontrast zu seiner melancholisch-einsamen Missgelauntheit: „Es gibt Stunden der Verzweiflung - nicht der Depression, aber des Wunderns ĂŒber die scheinbare Sinnlosigkeit der Dinge, des Lebens." Dieses LebensgefĂŒhl, die Unsicherheit darĂŒber, ob er das „richtige Leben" lebte, hatte ihn 1913 fast in den Selbstmord getrieben und plagte ihn auch in Wien. Lediglich seiner Freundin Elly Reventlow eröffnete er seine Gedanken, vor denen er sich in Arbeit und in die Literatur flĂŒchtete.

      Im November 1916 starb Kaiser Franz Joseph, mit dem fĂŒr Bernstorff die Epoche seit der französischen Revolution zu Ende ging. Er war stolz den „letzten Chevalier" noch dreimal getroffen zu haben. Von dem jungen Kaiser Karl I. hatte er ebenfalls einen positiven Eindruck. Nach dem Thronwechsel reiste der neue deutsche StaatssekretĂ€r des Äußeren, Arthur Zimmermann mit Admiral Henning von Holtzendorff zu seinem Antrittsbesuch nach Wien, um die verbĂŒndete Donaumonarchie fĂŒr den uneingeschrĂ€nkten U-Bootkrieg zu gewinnen. Albrecht Graf von Bernstorff versuchte, fĂŒr die Auffassungen seines Onkels Johann-Heinrich, damals deutscher Botschafter in Washington, Einfluss zu nehmen, da die BefĂŒrworter eines Verhandlungsfriedens den U-Bootkrieg wegen eines möglichen Kriegseintritts der Vereinigten Staaten entschieden ablehnten. Der Beschluss fĂŒr den U-Bootkrieg vom 9. Januar 1917 enttĂ€uschte Bernstorff zutiefst; sein Onkel verließ nach der KriegserklĂ€rung der USA Washington und trat seinen neuen Posten in Konstantinopel an.

      Im Juli 1917 trat Bethmann Hollweg als Reichskanzler zurĂŒck. Dies betrachtete Bernstorff, der sich vom Kanzler mehr erhofft hatte, zunĂ€chst als Fortschritt. Die Berufung von Georg Michaelis und drei Monate darauf die Georg von Hertlings sah er jedoch als politischen Sieg der MilitĂ€rs und je lĂ€nger der Krieg dauerte, desto stĂ€rker erschien ihm Bethmann Hollweg wieder in einem positiven Licht. Die russische Februarrevolution sah er als „Anfang vom Ende [
] der bĂŒrgerlichen Gesellschaft" und befĂŒrchtete Auswirkungen auf das Kaiserreich. Albrecht Graf von Bernstorff meinte, dass Deutschland als Vorleistung fĂŒr einen möglichen VerstĂ€ndigungsfrieden im inneren Reformen zur Demokratisierung durchfĂŒhren sollte - dies sei die einzige Chance, den Krieg zu beenden und gleichzeitig die Monarchie zu bewahren. Die Kraft, dies zu ermöglichen, konnte seines Erachtens nur aus SĂŒddeutschland kommen, „wo sich jenes Deutschtum, das am höchsten Goethe fĂŒr uns verkörpert, noch existiert, [
] die tiefe FĂŒlle des Lebens, Dichtung, Musik, Menschentum, Philosophie, Kunst." Bernstorff hatte sich zu einem „realpolitischen Pazifisten" entwickelt.

      Der junge Diplomat in Berlin und Koblenz: 1917-1922
      AuswÀrtiges Amt bis zur Revolution: 1917-1918
      Wilhelm Solf förderte Bernstorff, der ĂŒber den StaatssekretĂ€r zahlreiche namhafte Persönlichkeiten kennenlernte. Die Verbindung mit Solf war spĂ€ter auch dem Widerstand von Nutzen.1917 berief das AuswĂ€rtige Amt Bernstorff zur weiteren Ausbildung in die Berliner Zentrale. Er kam zunĂ€chst in die Rechtsabteilung, womit seine BemĂŒhungen, in die wirtschaftspolitische Abteilung zu kommen, gescheitert schienen. Bernstorff suchte den StaatssekretĂ€r Richard von KĂŒhlmann auf, der eine Versetzung in die wirtschaftspolitische Abteilung anordnete. Dort befasste sich Bernstorff mit der Vorbereitung einer stĂ€rkeren wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen dem Deutschen Reich und Österreich-Ungarn nach Vorbild der „Mitteleuropa"-Idee. Wenig spĂ€ter wurde er jedoch in die politische Abteilung unter Leopold von Hoesch versetzt, wo er von nun an in der unmittelbaren NĂ€he KĂŒhlmanns tĂ€tig war. Die Abteilung hatte zu diesem Zeitpunkt vor allem mit der Vorbereitung des Friedensvertrages von Brest-Litowsk zu tun. Bernstorff war allerdings als AttachĂ© nicht direkt in die Verhandlungen involviert, sondern blieb in Berlin. Dort wurde er Mitglied der Deutschen Gesellschaft 1914, wo ĂŒber politische Richtungen hinweg ĂŒber Perspektiven eines Nachkriegsdeutschlands diskutiert wurde. Der elitĂ€re Club stand unter dem Vorsitz des liberalen Diplomaten Wilhelm Solf. Daneben besuchte er gemeinsam mit Freunden mehrmals den Altkanzler Bethmann Hollweg, dem er mittlerweile wieder hohe staatsmĂ€nnische FĂ€higkeiten und ethische Grundwerte beimaß, auf seinem Alterssitz Hohenfinow. Außerdem wurde Bernstorff 1917 als junger Gutsherr nach dem Dreiklassenwahlrecht in den lauenburgischen Kreistag gewĂ€hlt, dem er bis zu dessen Auflösung im MĂ€rz 1919 angehörte.

      Im April 1918 begleitete er Richard von KĂŒhlmann bei dessen Antrittsbesuch am badischen Hof. Bei dieser Gelegenheit lernte Bernstorff auch den liberalen Prinzen Max von Baden kennen. Im folgenden Monat war er Mitglied der deutschen Delegation bei der Friedensverhandlung mit RumĂ€nien in Bukarest, die er als den grĂ¶ĂŸten diplomatischen Erfolg der MittelmĂ€chte wertete. Dort fungierte er als persönlicher Adjutant des StaatssekretĂ€rs. Anfang Juni 1918 stellte sich KĂŒhlmann vor den Reichstag, um von den linken KrĂ€ften eine stĂ€rkere UnterstĂŒtzung fĂŒr einen Verhandlungsfrieden einzufordern, was Bernstorff begrĂŒĂŸte. Auf einem Empfang im Anschluss an die Reichstagssitzung lernte er zahlreiche einflussreiche Parlamentarier kennen, darunter die Sozialdemokraten Friedrich Ebert, Philipp Scheidemann, Albert SĂŒdekum und Wolfgang Heine, den Liberalen Conrad Haußmann und den Zentrumspolitiker Matthias Erzberger.

      Anfang Oktober 1918 reiste Bernstorff nach Wien, wo er bei dem Kabinettsentwurf der letzten k.u.k-Regierung anwesend war. Sein Freund Redlich ĂŒbernahm in der Regierung Max Hussarek von Heinleins das Finanzressort. Als er nach Berlin zurĂŒckkehrte war das Kaiserreich durch die Oktoberreform in eine parlamentarische Monarchie umgewandelt worden. Neuer AußenstaatssekretĂ€r wurde Wilhelm Solf, der bisherige Leiter des Reichskolonialamtes, von dem Bernstorff einen sehr guten Eindruck hatte („Solf ist natĂŒrlich eine Freude fĂŒr mich - wĂ€re ich 10 Jahre Ă€lter, wĂ€re auch ich in der Regierung."). Bis zu dessen RĂŒcktritt arbeitete er als Solfs persönlicher Adjutant. Die RegierungsgeschĂ€fte fĂŒhrte Max von Baden, in den Bernstorff wie viele Liberale große Hoffnungen auf die Erhaltung der Monarchie in einem freiheitlich-demokratischen Kaiserreich („Die alte deutsche Linie, die zur Paulskirche fĂŒhrte und 1848 abbrach." legte. In den letzten Tagen des Hohenzollern-Reiches, am 8. November 1918 wurde Albrecht Graf von Bernstorff zum LegationssekretĂ€r ernannt und damit nach Abschluss seiner Ausbildung in den Staatsdienst ĂŒbernommen.

      Novemberrevolution und DDP 1918-1920
      Johann-Heinrich Graf von Bernstorff hatte großen Einfluss auf die politische Richtung seines Neffen.Die Novemberrevolution lehnte Albrecht von Bernstorff anfangs ab, da er seine demokratischen Vorstellungen bereits in einer parlamentarischen Monarchie verwirklicht sah. Dem RevolutionĂ€ren konnte er dagegen nichts abgewinnen, auch wenn er feststellte, mit Wilhelm II. vermutlich zu keinem Friedensschluss zu kommen. FĂŒr ihn war mit dem Scheitern des Prinzen Max von Baden die Vorstellungen eines Liberalismus in einer Monarchie begraben worden, nun mĂŒsse fĂŒr eine bĂŒrgerliche Partei innerhalb der Republik gekĂ€mpft werden.[39] Um den jungen Mitarbeiter des AuswĂ€rtigen Amtes Kurt Riezler bildete sich eine Gruppe von Diplomaten, die der Demokratie gegen die radikalen KrĂ€fte mehr Gehalt geben wollten. Da sie die GrĂŒndung einer eigenen Partei noch ablehnten, plante Bernstorff, genau wie sein Onkel Johann-Heinrich, der Fortschrittlichen Volkspartei beizutreten und auch fĂŒr diese zu kandidieren, was jedoch nicht umgesetzt worden ist.[40] Am 16. November 1918 wandte sich die Gruppe mit dem Aufruf „An die deutsche Jugend!" im Berliner Tageblatt an die Öffentlichkeit, in dem sie den „Geist von 1848" beschwor und das Ende aller Klassenprivilegien forderte. Zu den Unterzeichnern gehörten neben Bernstorff und Riezler auch Oskar Trautmann und Harry Graf Kessler.

      Statt wie zu Anfang geplant erhielt die Fortschrittliche Volkspartei aber nicht den Status der großen liberalen Partei, sondern stattdessen die neugegrĂŒndete Deutsche Demokratische Partei, der Bernstorff nun mit seinem Onkel beitrat. Auf diese neue bĂŒrgerliche Partei war er stolz und die Demokraten konnten prominente Namen in ihren Reihen aufweisen, darunter Solf, Haußmann, Payer und Dernburg. In seinem typischen Humor schrieb Bernstorff ironisch: „GrĂŒndung von Onkel Johnnys Demokratischem Club, der wirklich semitisch-kapitalistisch zu werden verspricht. Wir JĂŒngeren werden die radikale antikapitalistische Linke darstellen." Am 18. Dezember 1918 ĂŒbergab Wilhelm Solf auf Druck der USPD die AmtsgeschĂ€fte an Ulrich von Brockdorff-Rantzau, wodurch die RĂŒckendeckung fĂŒr Bernstorffs diplomatisches und parteipolitisches Engagement erheblich schwand. Das VerhĂ€ltnis zu Rantzau verschlechterte sich noch, als dieser die Versetzung Bernstorffs an die deutsche Botschaft in Paris ablehnte. Stattdessen wurde ihm eine Versetzung an die deutsche Botschaft Prag angetragen, die ihm aber nicht zusagte. Als im Juni 1919 Solf als Botschafter in London im GesprĂ€ch war, versuchte Bernstorff davon ebenfalls zu profitieren. Bis zum FrĂŒhjahr 1920 hatte er im AuswĂ€rtigen Amt seit dem Abgang aus Wien mindestens fĂŒnf verschieden Posten inne, was nicht fĂŒr eine vorausschauende Personalpolitik spricht.

      Am 10. September 1919 wurde Albrecht Graf von Bernstorff auf die Weimarer Verfassung vereidigt. Er hatte erkannt, dass es fĂŒr Deutschland kein ZurĂŒck gab und sich zum Vernunft-Republikaner entwickelt. Anfang 1920 ĂŒbernahm er die seit einem Jahr bestehende Außenhandelsstelle des AuswĂ€rtigen Amtes, wo er mit dem Wirtschaftsfachmann Carl Melchior zu tun hatte. Stets rechnete er aber mit einer baldigen Versetzung ins Ausland. Der Papierkrieg und die wenige politische Arbeit Ă€rgerten ihn, insgesamt hatte er nun aber auch wieder mehr Muße. Lediglich der Kapp-Putsch, den er einen „Dumme-Jungen-Streich" nannte, sorgte dafĂŒr, dass die Regierungsbehörden fĂŒr einige Tage vorĂŒbergehend ĂŒber Dresden nach Stuttgart verlegt wurden. FĂŒr ihn erschien aber selbst dies „sehr aufregend und ganz unterhaltsam".

      Diplomat im eigenen Land: Koblenz 1920-1921
      Bei der Interalliierten Rheinlandkommission vertrat Bernstorff die deutschen Interessen in den besetzten Gebieten (Karte des besetzten Rheinlandes, 1923).Mitte April 1920 ging Albrecht Graf von Bernstorff als LegationssekretĂ€r und Mitarbeiter des Geheimen Legationsrates Arthur Mudra an die „Interalliierte Rheinlandkommission" nach Koblenz. In den ersten Wochen seiner TĂ€tigkeit an der Besatzungsbehörde der SiegermĂ€chte vertrat er noch seinen Vorgesetzten, bevor er am 11. Mai selbst zum neuen „Vertreter des AuswĂ€rtigen Amtes beim Reichskommissar fĂŒr die besetzten rheinischen Gebiete" ernannt wurde. Nun war Bernstorff imstande, seine Arbeit freier zu gestalten. „Habe gute FĂŒhlung mit EnglĂ€ndern und Amerikanern - mache viel Politik und wenig Akten." Zudem genoss er es, das ihm weitestgehend unbekannte Westdeutschland kennenzulernen. Dienstlich reiste er hĂ€ufig nach Darmstadt, Frankfurt und Köln. Daneben hielt er regelmĂ€ĂŸig Vortrag bei Reichsaußenminister Walter Simons und Kanzler Konstantin Fehrenbach. „Man scheint in Berlin sehr zufrieden mit mir, unterstĂŒtzt mich auch, will mich vorlĂ€ufig dort lassen, war ĂŒberhaupt sehr anerkennend."

      Zu seinen Aufgaben in Koblenz gehörte die Teilnahme an den Sitzungen des „Parlamentarischen Beirats fĂŒr die besetzten rheinischen Gebiete" und dessen Wirtschaftsausschuss. Diplomatisch orientierte er sich eindeutig an der Linie der deutschen Außenpolitik. Das Londoner Ultimatum und die Reparationszahlungen sah er jedoch kritisch, da er es als paradox empfand, die ErfĂŒllungspolitik soweit fortzufĂŒhren, bis die Wirtschaft komplett am Boden lag, um dann den SiegermĂ€chten das Resultat der Reparationsforderungen zu prĂ€sentieren. Aus diesem Grund hoffte er auf eine langsame Abkehr von der ErfĂŒllungspoltiik und einen anderweitigen Ausgleich mit der Entente. In diesem Sinne sandte ihn Außenminister Friedrich Rosen im Juni 1921 nach London, wo er in einer Vielzahl von GesprĂ€chen versuchte, Einfluss auf das Foreign Office auszuĂŒben. Außerdem traf er sich mit dem Kopf der oppositionellen Liberalen, dem ehemaligen Premierminister Herbert Asquith. Bereits vor seiner Reise hatte es GerĂŒchte gegeben, dass Bernstorff als Konsul nach Glasgow berufen werden sollte. Da aber der Londoner Botschafter Friedrich Sthamer Bedenken wegen des Namens Bernstorff hatte, da Johann-Heinrich Graf von Bernstorff im Weltkrieg fĂŒr eine VerstĂ€ndigung und damit gegen einen britischen Siegfrieden eingetreten war, wurde dieser Gedanke wieder fallen gelassen. So fiel es Albrecht Graf von Bernstorff leicht, zu diesem Zeitpunkt, als sein Verbleib in Koblenz sicher war, seine UnabhĂ€ngigkeit vom AuswĂ€rtigen Dienst zu vergrĂ¶ĂŸern. Am 27. Juli 1921 stellte er daher ein Gesuch, ein Jahr fĂŒr ein Volontariat bei dem Bankhaus „DelbrĂŒck, Schickler & Co." beurlaubt zu werden. Obwohl man zunĂ€chst versuchte, ihn von diesem Plan abzubringen, gab man ihm schließlich doch statt. Gleichzeitig lobte Minister Friedrich Rosen den großen „Aktionsradius" Bernstorffs und betrachtete dessen TĂ€tigkeit in Koblenz als Ă€ußerst erfolgreich.

      DelbrĂŒck, Schickler & Co.: 1921-1922
      Das Schicklerhaus in Berlin, Sitz der Bank „DelbrĂŒck, Schickler & Co.".Seine TĂ€tigkeit im Bankhaus DelbrĂŒck, Schickler & Co. begann am 28. November 1921. In der Bank hatte er allerdings keine konkreten Aufgaben, da er sich lediglich ĂŒber die verschiedenen Abteilungen informieren sollte und nicht selbst tĂ€tig wurde. Aufgrund zahlreicher gesellschaftlicher Verpflichtungen fĂŒhlte er sich dennoch abgehetzt und „aufgefressen". Er verkehrte bei Kurt Riezler, wo er auch dessen Schwiegervater Max Liebermann kennenlernte, Hermann von Hatzfeldt, Gerhard von Mutius und dem StaatssekretĂ€r in der Reichskanzlei Heinrich Albert. Bernstorff gehörte - trotz seiner zeitweise prekĂ€ren finanziellen Situation - zur „High society" der Hauptstadt.

      Den Abschluss des Vertrages von Rapallo am 22. April 1922 nannte Bernstorff eine „Dummheit". Über den Außenminister Rathenau schrieb er scherzend: „Walther schĂŒtzt vor Torheit nicht.", Als jedoch Rathenau nur einen Monat spĂ€ter einem Fememord zum Opfer fiel, sprach Bernstorff von einer „Viecherei, die ihre Ursache in der maßlosen Hetze der Rechten" hat. Die BeschĂ€ftigung im Bankhaus DelbrĂŒck war von Anfang an auf nur ein Jahr angelegt gewesen und als diese Zeit endete, zögerte Bernstorff, in den diplomatischen Dienst zurĂŒckzukehren. Die Alternative war fĂŒr ihn eine Daueranstellung in einer Bank im Ausland. Als ihm die Personalabteilung des AuswĂ€rtigen Amtes aber einen Posten an der deutschen Botschaft London anbot, sagte er zu.

      Diplomat in London: 1923-1933
      „Bernstorff hat mehr als eine andere deutsche Persönlichkeit dazu getan, dass die englisch-deutschen Beziehungen sich stĂ€ndig verbesserten."
      - Vossische Zeitung, 28. Juni 1933.

      Die ersten Jahre: 1923-1928
      Von 1923 bis 1933 war Bernstorff an der deutschen Botschaft London tÀtig.
      Vertreter der Weimarer Republik
      Am 20. Januar 1923 traf Bernstorff in London ein. Seine Abreise hatte sich durch die Ruhrbesetzung mehrfach verzögert. Er ĂŒbernahm den Posten eines 2. SekretĂ€rs unter Botschafter Friedrich Sthamer. Von Anfang an war er mit dieser Position unzufrieden. In den folgenden Jahren wurden ihm immer wieder Aufstiegschancen an anderen Botschaften aufgezeigt, etwa in Kopenhagen unter Ulrich von Hassell. Bernstorff bestand jedoch auf seinen Verbleib in London, drohte des Öfteren mit seinem Austritt aus dem diplomatischen Dienst und nahm auch eine eher langsame Karriere in Kauf.

      Bereits nach den ersten Monaten empfand er Sthamer als ungeeigneten Mann: Er habe in den Jahren nach dem Weltkrieg gute Arbeit geleistet, sei aber nun zu zurĂŒckhaltend und stelle gesellschaftlich nichts dar. Als Nachfolger schlug Bernstorff Harry Graf Kessler vor. Es dauerte allerdings Jahre, bis ein Nachfolger berufen wurde. Bernstorff untergrub ĂŒber einen langen Zeitraum in Briefkontakten ins AuswĂ€rtige Amt die AutoritĂ€t des Botschafters, da er diesen fĂŒr ungeeignet hielt und auch aus eigenen Aufstiegshoffnungen seinen Abschied herbei sehnte. Eine GehaltskĂŒrzung von 10 Prozent wegen der angespannten Haushaltslage des Reiches bereitete dem ohnehin durch den schlecht laufenden Gutsbetrieb in Stintenburg unter finanziellen Problemen leidenden Bernstorff zusĂ€tzliche Schwierigkeiten. Daher sah er sich zwischenzeitlich sogar gezwungen, von Verwandten Geld zu leihen oder SchmuckstĂŒcke aus Familienbesitz zu verkaufen. Die Hyperinflation trug ebenfalls zu den finanziellen Sorgen bei. Bernstorff versuchte allerdings auch nicht, seinen luxuriösen Lebenswandel einzuschrĂ€nken.

      Sein Aufgabenbereich lag in der politischen Abteilung, wo er mit Otto FĂŒrst von Bismarck zusammenarbeitete. Zentrales Sachthema war der Versuch einer AnnĂ€herung an Großbritannien, um die Ruhrbesetzung möglichst frĂŒh zu beenden und gleichzeitig Frankreich politisch zu isolieren. Um dies zu erreichen, mĂŒsse Deutschland, so Bernstorffs Ansicht, „schon aus taktischen GrĂŒnden" dem Völkerbund beitreten. FĂŒr diese Position warb er auch in einem Artikel in der Zeitung „Deutsche Nation".[54] Bernstorff rechnete damit, dass die Ruhrbesetzung noch Jahre andauern wĂŒrde, weshalb er auch einen schrittweisen Abzug der Truppen begrĂŒĂŸte. Eine unvorsichtige Äußerung in diese Richtung wurde schließlich in einer Pressemeldung als offizielle Position der Reichsregierung abgedruckt, was in der Öffentlichkeit fĂŒr Unruhe sorgte, wofĂŒr Bernstorff vom Botschafter getadelt wurde. Anfang 1924 vertrat Bernstorff die Weimarer Republik bei den deutsch-englischen Luftfahrtverhandlungen, die Teil der Entwaffnung des Deutschen Reiches waren. Mit dieser Angelegenheit blieb er ĂŒber Monate hinweg beschĂ€ftigt. Daneben wirkte Bernstorff im Auftrag der „Wirtschaftspolitischen Gesellschaft" an zahlreichen Aktionen fĂŒr die Verbesserung des deutschen Images in Hinblick auf die Wirtschaft mit, darunter Buchveröffentlichungen, Reisen prominenter Deutscher nach London oder von EnglĂ€ndern nach Berlin (etwa Graham Greene) oder finanzielle UnterstĂŒtzung fĂŒr die Arbeit des Journalisten Jona von Ustinov, mit dem ihn auch eine Freundschaft verband. 1927 besuchte Ustinov mit Frau und Sohn Peter sogar Stintenburg.

      Vom 16. Juli bis zum 16. August 1924 fand die Londoner Konferenz ĂŒber ein neues Reparationsabkommen statt. Ab dem 6. August saßen auch deutsche Delegierte mit am Verhandlungstisch. Es waren Reichskanzler Wilhelm Marx, Außenminister Gustav Stresemann mit StaatssekretĂ€r Carl von Schubert und Finanzminister Hans Luther in die britische Hauptstadt gereist. Als Vertreter der deutschen Botschaft nahm Albrecht Graf von Bernstorff an der Konferenz teil. Als Abschluss der Verhandlungen stand der Dawes-Plan, den Bernstorff als Fortschritt wertete, obgleich dieser nicht restlos befriedigend sei. Die mögliche Wahl Paul von Hindenburgs zum ReichsprĂ€sidenten beurteilte er im April 1925 mit Blick auf die außenpolitischen Perspektiven Ă€ußerst kritisch: „Das ganze Kapital des Vertrauens, das in mĂŒhsamer Arbeit von fĂŒnf Jahren zwischen Deutschland und England angesammelt worden ist, wird bei einer Wahl Hindenburgs nur allzu schnell in die Binsen gehen und Deutschland wird [
] wieder einmal der Blamierte sein." Doch trotz der Wahl Hindenburgs fand sein außenpolitischer Pessimismus zunĂ€chst keine BestĂ€tigung. Stattdessen gelang es, die AnnĂ€herung in den Vertrag von Locarno mĂŒnden zu lassen, den er als große Leistung Stresemanns anerkannte.


      Persönliche Kontakte als Grundlage der Diplomatie [Bearbeiten]Große Bedeutung fĂŒr die Arbeit des Diplomaten Albrecht Graf von Bernstorff waren seine zahlreichen persönlichen Kontakte: Er pflegte auch in London neben den alten Freundschaften aus Oxforder Studientagen weiterhin seine Verbindungen ins AuswĂ€rtige Amt, besonders zu Kurt Riezler und Friedrich Gaus; daneben zu Wilhelm Solf, mittlerweile deutscher Botschafter in Japan, dessen Frau Hanna ihn mit Tochter Lagi in London besuchte, außerdem zu Hjalmar Schacht, Theodor Heuss und Siegfried von Kardorff. Besonders wichtig waren die Kontakte zu Mitarbeitern des Foreign Office und Unterhausabgeordneten, wie Philip Snowden und Herbert Asquith. Neue Freundschaften fĂŒhrten Bernstorff auch hĂ€ufig nach Cambridge, wo er u.a. den einflussreichen Literaturkritiker Clive Bell traf. Er gehörte dem vornehmen Londoner Toby's Club an und spielte im Queen's Club Tennis. Über die Kulturarbeit der Botschaft begegnete er Lion Feuchtwanger, John Masefield und Edith Sitwell. Das Pferderennen von Ascot, die Chelsea Flower Show und die Wimbledon Championships waren wie selbstverstĂ€ndlich auch fĂŒr Bernstorff Höhepunkte des gesellschaftlichen Lebens. Alles in allem gehörte er als einer der wenigen Deutschen zu den gern gesehenen GĂ€sten der britischen Elite und konnte dies auch fĂŒr die Diplomatie nutzen.

      In der oberen Etage der Weltpolitik: 1929-1933
      GeschÀftstrÀger der Botschaft
      Anfang 1929 kam Bewegung in die Personalpolitik, als der inzwischen 72-jĂ€hrige Botschafter Sthamer seinen RĂŒcktritt ankĂŒndigte und das AuswĂ€rtige Amt nun offiziell einen Nachfolger suchte. Im GesprĂ€ch waren Harry Graf Kessler, der konservative Reichstagsabgeordnete Hans Erdmann von Lindeiner-Wildau, der bisherige Botschafter in Stockholm Rudolf Nadolny sowie der Botschafter in Rom Konstantin Freiherr von Neurath. Die Wahl fiel auf letzteren, der am 3. November 1930 sein Amt in London antrat. Zeitgleich mit Sthamer wurde auch der Botschaftsrat Dieckhoff abgezogen, dessen Vertretung der Gesandtschaftsrat II. Klasse Albrecht Graf von Bernstorff ĂŒbernahm. Dabei hoffte er auf eine dauerhafte Berufung auf diesen Posten und damit auf seinen Aufstieg in den „innersten Maschinenraum des diplomatischen Weltgetriebes". Am 12. Februar 1931 erfolgte tatsĂ€chlich die angestrebte Beförderung, bei der er sogar einen Rang der diplomatischen Karriereleiter ĂŒbersprang.

      In der deutschen Außenpolitik hatte sich unter Außenminister Julius Curtius eine stĂ€rkere Betonung der Revision des Versailler Vertrages herausgebildet, was zu einer Abkehr von der Stresemann'schen VerstĂ€ndigung mit Frankreich fĂŒhrte. Gleichzeitig beobachtete Bernstorff den aufkommenden Nationalsozialismus mit Sorge. In Großbritannien hatte die Wahl vom Juni 1929 fĂŒr unklare VerhĂ€ltnisse gesorgt: Die Labour Party stellte zum ersten Mal mit Ramsay MacDonald den Premierminister in einer von den Liberalen tolerierten Minderheitsregierung. Diese erwies sich aber angesichts der Weltwirtschaftskrise als vollkommen ĂŒberfordert, weshalb die drei großen Parteien, Konservative, Liberale und Labour, eine Koalition eingingen. MacDonalds sogenanntes „National Government" entwickelte sich aber aufgrund zahlreicher Parteiaustritte auf Seiten der linken KrĂ€fte als fast rein konservative Regierung. Diese VorgĂ€nge sorgten auch in der deutschen Botschaft fĂŒr Unruhe, da sie in den deutsch-britischen Beziehungen zu großer Unsicherheit fĂŒhrten.

      1930 fand in London die Flottenkonferenz statt, auf der Vertreter der USA, Belgiens, Frankreichs, Deutschlands, Italiens, Japans und Großbritanniens beteiligt waren. Dort verlĂ€ngerten die GroßmĂ€chte die Baupause fĂŒr Kriegsschiffe bis 1936 und verboten den Einsatz von U-Booten gĂ€nzlich. Doch insgesamt war die außenpolitische GefĂŒhlslage eine andere als noch in Locarno: „Wir sind an einem Punkt angekommen, wo eine Politik der VerstĂ€ndigung beim besten Willen der FĂŒhrer unmöglich gemacht wird durch die Schreiereien der Masse. [
] Das kann fĂŒr Europa noch tragisch enden." Im Oktober 1930 erschien im Daily Herald ein Artikel, der von Bernstorff verfasst worden war, unter dem Titel „All in a Diplomat's day". In einer Glosse des selben Blattes wurde Bernstorff als der auslĂ€ndische Diplomat bezeichnet, der sich am besten in die Londoner Gesellschaft integriert habe. „Jeder kennt ihn, weil er selbst jedermann kennen will."

      Seit Anfang August 1931 war Botschafter Neurath auf Urlaub, weshalb Bernstorff fĂŒr mehrere Monate die GeschĂ€fte ĂŒbernahm. Er genoss die UnabhĂ€ngigkeit, die er als GeschĂ€ftstrĂ€ger hatte. Im Januar 1932 erkrankte Neurath fĂŒr vier Monate und Bernstorff konnte erneut als GeschĂ€ftstrĂ€ger fungieren. Zudem hĂ€uften sich die GerĂŒchte aus Berlin, dass nach dem RĂŒcktritt von Außenminister Curtius Neurath als dessen Nachfolger gehandelt wĂŒrde. ZunĂ€chst ĂŒbernahm Reichskanzler Heinrich BrĂŒning selbst das Außenressort. Doch nach dem Regierungswechsel reiste Neurath am 1. Juni 1932 nach Berlin, um ĂŒber seinen Eintritt ins Kabinett Papen zu verhandeln. Bereits zwei Tage spĂ€ter kehrte er nach London zurĂŒck, um an der Botschaft seinen Abschied zu nehmen. So waren seine zwei Jahre Dienstzeit in London ĂŒberwiegend von Abwesenheit geprĂ€gt. Bis zur Ernennung des neuen Botschafters war Bernstorff erneut GeschĂ€ftstrĂ€ger der Botschaft. Seine gesellschaftlichen und politischen Kontakte hatten den Kenner der englischen VerhĂ€ltnisse bereits zuvor zum eigentlichen Herrn der Botschaft gemacht.

      Wiedererrichtung der Rhodes-Stipendien
      Der Sitz der Rhodes-Stiftung in Oxford.Seit seiner RĂŒckkehr nach England beschĂ€ftigte sich Albrecht Graf von Bernstorff mit der Wiederherstellung der Rhodes-Stipendien fĂŒr deutsche Studenten. Seit 1916, als Großbritannien mit dem Deutschen Reich im Krieg stand, hatte die Rhodes-Stiftung die Stipendien fĂŒr deutsche Studierende ausgesetzt. Zwar wurden die ehemaligen Stipendiaten auch weiterhin zu Veranstaltungen nach Oxford eingeladen und freundschaftliche Kontakte gepflegt, doch stieß der Wunsch nach deutschen Neustipendiaten auf starken Widerstand.

      FĂŒr die Wiedererrichtung der Stipendien konnte Bernstorff seine Kontakt wirksam einsetzen: Besonders das Stiftungsmitglied Otto Beit, der einflussreiche Journalist und Politiker Philip Kerr, 11th Marquess of Lothian. Auf deutscher Seite unterstĂŒtzte der Industrielle Carl Duisberg das Projekt. Auch Richard von KĂŒhlmann und Frederick Edwin Smith, 1. Earl of Birkenhead versprachen ebenfalls, in Deutschland und England finanzielle Mittel aufzutreiben. So konnte anlĂ€sslich des 25-jĂ€hrigen Bestehens der Rhodes-Stiftung im Juni 1929 der Premierminister Stanley Baldwin die Neuerrichtung von zwei Stipendien fĂŒr zwei Jahre bekanntgeben. Dadurch, dass es sich hierbei offiziell um zwei komplett neue StipendienplĂ€tze handelte, konnte eine Parlamentsdebatte geschickt umgangen werden. Kronprinz Edward stimmte diesem Schritt zu. Dieses Ereignis stieß in der britischen Öffentlichkeit auf große Resonanz. Gleichzeitig teilte die Rhodes-Stiftung den deutschen Altstipendiaten vertraulich mit, dass es einen rein deutschen Auswahlausschuss geben solle und die Zahl der Stipendien langfristig auf fĂŒnf aufgestockt werde.

      Bereits am 15. Juli 1929 sandte Bernstorff eine Denkschrift nach Oxford, in der er VorschlĂ€ge fĂŒr die Zusammensetzung des Auswahlausschusses unterbreitete: Neben vier ehemaligen Stipendiaten sollten drei unabhĂ€ngige Mitglieder berufen werden; fĂŒr diese Posten empfahl er Friedrich Schmidt-Ott, den letzten königlich-preußischen Kultusminister, Adolf Morsbach aus dem Vorstand der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft und seinen eigenen Förderer Wilhelm Solf. Im September modifizierte Bernstorff seinen Vorschlag und brachte weitere Namen ins GesprĂ€ch. Die Trustees folgten in weiten Teilen seinen Empfehlungen und beriefen am 10. Oktober 1929 Schmidt-Ott, den ehemaligen Außenminister Walter Simons, Adolf Morsbach, den Juristen Albrecht Mendelssohn-Bartholdy, der Staatswissenschaftler Carl Brinkmann sowie Bernstorffs Studienfreund Harald Mandt. FĂŒr sein eigenmĂ€chtiges Vorgehen musste Albrecht Graf von Bernstorff von Seiten der ehemaligen deutschen Stipendiaten harsche Kritik einstecken. Zudem befĂŒrchtete der Oxford-Absolvent und deutschnationale Reichstagsabgeordnete Lindeiner-Wildaus einen zu großen Einfluss der DDP auf das Auswahlkomitee. Zu den Sitzungen des Komitees, die von nun an wieder jĂ€hrlich stattfanden, lud man nun stets namhafte Politiker ein: 1930 erschien Reichskanzler BrĂŒning, 1932 kamen Außenminister Neurath und Finanzminister Graf Schwerin von Krosigk. Dies zeigt, welche Bedeutung die Politik der Rhodes-Stiftung beimaß und welchen diplomatischen Erfolg Bernstorff vor diesem Hintergrund errungen hatte.

      Auf der Sitzung des Auswahlkomitees 1930 lernte er den jungen Adam von Trott zu Solz kennen, der sich um ein Stipendium bewarb. Bernstorff mochte den „wirklich ganz besonderen Trott", dessen FĂ€higkeiten er erkannte und förderte. Zwischen beiden entwickelte sich eine Freundschaft, die sie durch regelmĂ€ĂŸige Treffen in Oxford und Tagungen in Cambridge vertieften. So brachte die Rhodes-Stiftung zwei MĂ€nner zusammen, die spĂ€ter als kompromisslose Gegner des Nationalsozialismus aktiv Widerstand leisteten und dafĂŒr hingerichtet worden sind.

      Wendepunkt 1933
      „Ein Deutschland, das in einen Kasernenhof verwandelt wird, kann ich nicht im Ausland vertreten.
      - Albrecht Graf von Bernstorff, MĂ€rz 1933.

      Das Jahr 1933 begann fĂŒr Albrecht Graf von Bernstorff gut: Er konnte sein zehnjĂ€hriges DienstjubilĂ€um an der Botschaft London feiern, was in der Deutschen Allgemeinen Zeitung mit einem Artikel gewĂŒrdigt wurde. Doch die Machtergreifung der NSDAP am 30. Januar 1933 war fĂŒr Bernstorff vor allem eine große Schande: Er schĂ€me sich nun, Deutscher zu sein, da es „diesem österreichischen Maulhelden" Adolf Hitler gelungen war, das deutsche Volk zu „verfĂŒhren". Bernstorff schrieb nun zahlreiche Briefe an das AuswĂ€rtige Amt, in denen er den Chefdiplomaten die negativen Auswirkungen der Machtergreifung vor Augen fĂŒhren wollte: Nahezu sĂ€mtliche ehemals deutsch-freundlichen Politiker wetterten gegen das Reich und die öffentliche Meinung in England werde sich schon wegen eines einzelnen Faktors, des Antisemitismus, nicht wieder verbessern. Wegen seiner oppositionellen Haltung schwĂ€rzten Journalisten des Völkischen Beobachters Bernstorff bereits am 26. MĂ€rz bei NS-Außenpolitiker Alfred Rosenberg an.

      Entgegen der auch bei Zeitzeugen verbreiteten Annahme quittierte Bernstorff nicht selbst den Dienst, wenngleich er darĂŒber im MĂ€rz 1933 intensiv nachdachte. Im Mai 1933 nahm er fĂŒr zwei Wochen Urlaub, um auf Stintenburg seine Freunde Eric M. Warburg und Enid Bagnold zu treffen. Etwa einen Monat, nachdem er in London wieder seine Arbeit aufgenommen hatte, erreichte ihn am 24. Juni 1933 die Nachricht, von seinem Posten abberufen zu werden. Bernstorff war von dieser Entscheidung ĂŒberrascht und Ă€ußerst niedergeschlagen. Seine Abberufung fand einen starken Nachhall in der britischen Presse: Times, The Observer, Daily Telegraph, Morning Post, Evening Standard, Daily Express und Daily Herald berichteten darĂŒber und sprachen von AnfĂ€ngen einer politischen SĂ€uberung in der deutschen Diplomatie. Auch in der deutschen Presse, namentlich in der Vossischen Zeitung und der Frankfurter Zeitung fanden sich Artikel ĂŒber Bernstorffs Weggang - fĂŒr einen Botschaftsrat Ă€ußerst ungewöhnlich und Beweis des Prestiges und des Erfolges Bernstorffs.

      Er selbst sah sich dagegen nicht als Opfer der Nationalsozialisten, sondern fĂŒhrte seine Abberufung auf eine Intrige im AuswĂ€rtigen Amt zurĂŒck, um den Aufstieg Otto von Bismarcks auf seinen Posten zu ermöglichen. Nach einer Reise nach Berlin gab er Ende Juli 1933 in London mehrere Abschiedsessen. Die Krönung dieses Abschiedes bildete sein Empfang bei Premierminister MacDonald am 8. August - eine Ehre, die normalerweise ausschließlich scheidenden Botschaftern vorbehalten war. Anschließend wurden ihm weitere Monate Urlaub verordnet, bevor er noch Ende August erfuhr, entweder das Amt des Generalkonsuls in Singapur zu ĂŒbernehmen oder in den einstweiligen Ruhestand versetzt zu werden. Obwohl letzteres im Herbst 1933 erfolgte, hoffte Bernstorff noch mehrere Monate, bessere Stellenangebote vom AuswĂ€rtigen Amt zu erhalten und so bald - trotz bleibender politischer Bedenken - in den diplomatischen Dienst zurĂŒckzukehren. Erst im Dezember erkannte er: „Nun sind die WĂŒrfel gefallen. [
] Das AuswĂ€rtige Amt hat viel zu viel Angst, mir auch nur einen Posten anzubieten. [
]"

      Zeit des Nationalsozialismus: 1933-1945
      „Intellektuelle Aufrichtigkeit ist fĂŒr mich wichtiger, als Karriere zu machen. Der Nationalsozialismus richtet sich gegen alles, wofĂŒr ich immer eingetreten bin: ‚Geist', Toleranz, Einsicht und Menschlichkeit."
      - Albrecht Graf von Bernstorff, 1933.

      Innere Emigration und A. E. Wassermann
      Bernstorff hatte sich nie in Berlin wohlgefĂŒhlt, doch nun schien ihm die Hauptstadt als sein Exil, wo er nur noch „vegetieren", nicht lĂ€nger „leben" könne. Obwohl er seine zahlreichen Freundschaften weiterhin pflegte, flĂŒchtete er sich vor der politischen Situation in Deutschland vor allem in Auslandsreisen. Bereits Anfang 1934 kehrte er nach England zurĂŒck, um Bekannte wiederzutreffen und GesprĂ€che fĂŒr die Rhodes-Stiftung zu fĂŒhren, anschließend reiste er zu seinem Onkel Johann-Heinrich, der - selbst ebenfalls entschiedener Gegner des NS-Regimes - in die Schweiz emigriert war. FĂŒr Albrecht Graf von Bernstorff schien die eigene Auswanderung aber nie eine Alternative gewesen zu sein, da er sich Deutschland und insbesondere seiner Heimat Stintenburg verpflichtet fĂŒhlte. Trotz seiner psychischen Niedergeschlagenheit gelang es Bernstorff 1933 und 1934, vermehrt Bekanntschaften zu gleichaltrigen Frauen zu knĂŒpfen und sogar eine Heirat in ErwĂ€gung zu ziehen.

      Es dauerte allerdings nicht lange, bis er eine neue Aufgabe fand und so seine innere Emigration beendete. Am 1. MĂ€rz 1934 trat Albrecht Graf von Bernstorff in den Dienst des traditionsreichen Berliner Bankhauses A. E. Wassermann. Der Firmensitz befand sich am Wilhelmplatz Nr. 7, direkt neben dem Reichsministerium fĂŒr VolksaufklĂ€rung und Propaganda. Entscheidend fĂŒr den Einstieg bei der Bank war Bernstorffs persönliche Bekanntschaft zum Mitinhaber Joseph Hambuechen, den er 1931 in London kennengelernt hatte. Die Privatbank A. E. Wassermann hatte 1937 einen Umsatz von 13 Millionen Reichsmark, was auf ein verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig kleines Institut hinweist. Das Bankhaus mit Filialen in Berlin und Bamberg befand sich nach wie vor mehrheitlich im Besitz der jĂŒdischen Familie Wassermann. Als der GeschĂ€ftsfĂŒhrer Max von Wassermann im Oktober 1934 verstarb und sein Sohn Georg den Posten ĂŒbernahm, stieg Bernstorff am 1. Mai 1935 zum „GeneralbevollmĂ€chtigten" der Bank auf. Nun verfĂŒgte er als einziges Nicht-Familienmitglied in der Firmenleitung ĂŒber ein hohes Festgehalt und hoffte auf die GrĂŒndung einer Filiale oder Tochtergesellschaft in London oder Washington, deren FĂŒhrung er ĂŒbernehmen könnte.

      Neben der unsicheren Situation seit dem Ausscheiden aus dem diplomatischen Dienst war fĂŒr seinen Eintritt in die Privatbank auch das BedĂŒrfnis, jĂŒdischen Freunden zu helfen, von Bedeutung. Das Eintreten in eine nach den NĂŒrnberger Rassegesetzen nicht-arische Bank war ein Akt der Verweigerung der NS-Ideologie gegenĂŒber und daher mit erheblichen Gefahren verbunden. Seit der Machtergreifung vermittelte A. E. Wassermann GeschĂ€fte fĂŒr die PalĂ€stina-Treuhand-Gesellschaft, die ĂŒber Devisenhandel gĂŒnstige Kredite fĂŒr Auswanderer nach PalĂ€stina gewĂ€hrte. Daneben ermöglichte die Treuhand-Gesellschaft ĂŒber den An- und Verkauf von Waren in unterschiedlichen WĂ€hrungszonen den Geldtransfer nach PalĂ€stina. Gemeinsam mit dem ehemaligen Zentrums-Politiker und Diplomaten Richard Kuenzer unterstĂŒtzte Bernstorff so die Alija Bet und wirkte daran mit, jĂŒdisches Kapital vor dem Zugriff des NS-Regimes zu retten.

      Ab 1937 geriet A. E. Wassermann wegen seiner jĂŒdischen Besitzer in Schwierigkeiten, weshalb die meisten Familienmitglieder den Vorstand verließen und durch externe, „arische" Teilhaber ersetzt wurden. Dies Ă€nderte aber im Grunde an der Situation nichts und im Juni 1938 gab die Bank dem Druck einer drohenden vollstĂ€ndigen Zwangs-Arisierung nach. Bernstorff war nun Mitinhaber, begriff sich selbst aber als „TreuhĂ€nder", der die FirmengeschĂ€fte nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft an die rechtmĂ€ĂŸigen Besitzer zurĂŒckgeben wĂŒrde. Der notgedrungene Ausstieg der jĂŒdischen GeschĂ€ftspartner belastete ihn schwer. Bereits am 24. MĂ€rz 1937 war Bernstorff auf seinen Wunsch hin in den dauernden Ruhestandes des diplomatischen Dienstes versetzt worden. Er reiste nun hĂ€ufiger geschĂ€ftlich durch Deutschland, nicht zuletzt als Aufsichtsratmitglied zahlreicher Firmen: AG fĂŒr Medizinische Produkte (Berlin), Ausstellungshalle am Zoo AG (Berlin), Concordia-Lloyd AG fĂŒr Bausparer und Grundkredit (Berlin), „Eintracht" Braunkohlenwerke und Brikettfabrik (Welzow) und Rybniker Steinkohlen-Gesellschaft (Kattowitz). 1937 besuchte er die Weltausstellung in Paris.

      Widerstand gegen das Regime
      „[
] und das namenlose Elend der Juden, die jetzt jede Nacht in gewissen SchĂŒben nach Osten verfrachtet werden, Menschen ohne Besitz und Namen, denen man alles nimmt. Die Bestie rast."
      - Albrecht Graf von Bernstorff, 1941.

      Offene Ablehnung
      Bernstorff hatte die Gefahr einer nationalsozialistischen MachtĂŒbernahme bereits vor 1933 erkannt, rechnete aber in den ersten Jahren der NS-Herrschaft mit einem schnellen Niedergang der Diktatur. Er glaubte an die Möglichkeit einer schnellen RĂŒckkehr zur Republik oder sogar zu einer parlamentarischen Monarchie. Kronprinz Wilhelm erhalte nach wie vor mehr Applaus als die „Diktatur der Spießer". Die Machthaber empfand er als lĂ€cherlich und machte sich in GesprĂ€chen und Briefen ĂŒber sie lustig, was ihn zunehmend in Gefahr brachte. Adolf Hitler nannte er im Schriftverkehr mit Freunden grundsĂ€tzlich „Aaron Hirsch". Der inszenierte Röhm-Putsch erweckte fĂŒr Bernstorff den Eindruck, das Ende des Regimes stehe unmittelbar bevor. FĂŒr ihn waren die Methoden der Nazis die gleichen wie die der sowjetischen Tscheka und er traute es dem deutschen Volk nicht zu, ein solches Regime in seinem Land lange zu dulden.

      Die Freundschaft zu Adam von Trott zu Solz war Bernstorffs wichtigster Kontakt zum aktiven Widerstand.Je mehr sich die nationalsozialistische Diktatur aber festigte, desto grĂ¶ĂŸer wurde Bernstorffs Verzweiflung. Der Nationalsozialismus sei der „Triumph des mittelmĂ€ĂŸigen Mannes" und er könne kaum Unterschiede zwischen Faschismus und Kommunismus erkennen. Bernstorff war sicher, dass ein Kriegsausbruch nicht lange hinausgezögert werden wĂŒrde. Den Einmarsch in Österreich und der Überfall auf Polen am 1. September 1939 bestĂ€tigten ihn in diesen BefĂŒrchtungen und in seiner Ablehnung der Machthaber. In seinem Freundeskreis in Deutschland und England erzĂ€hlte er Witze ĂŒber die fĂŒhrenden ReprĂ€sentanten der Diktatur: „Warum versagt Adolf Hitler sich jeder Frau? - Er wartet auf Sankt Helena"; „Eine Bombe schlĂ€gt zwischen Hitler, Mussolini und Stalin ein. Wer ĂŒberlebt? - Europa." WĂ€hrend die meisten NS-kritischen Deutschen solche Witze nur hinter vorgehaltener Hand erzĂ€hlten, tat es Bernstorff öffentlich und ohne Scheu. Gerade dadurch versuchte er, den Blick auf die Herrschenden zu relativieren, wĂ€hrend er sich gleichzeitig selbst in das Blickfeld der Gestapo brachte.

      Kontakte zu Widerstandsgruppen [Bearbeiten]Bernstorff verfĂŒgte ĂŒber eine Vielzahl von Kontakten in den offensiven Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Die Freundschaft zu Adam von Trott zu Solz war sein bedeutendster Kontakt zu aktiven KrĂ€ften, die einen Umsturz der NS-Diktatur herbeifĂŒhren wollten. Trott und Bernstorff standen schon allein durch die gemeinsame TĂ€tigkeit im Rhodes-Komitee in Verbindung, doch daneben war Trott auch regelmĂ€ĂŸig bei Bernstorff zu Gast und erhielt von diesem Empfehlungen und Kontakte, die ihm fĂŒr seine Karriere von Nutzen waren, so etwa die Vermittlung des Referendariatsplatzes bei dem Anwalt Paul Leverkuehn. Daneben suchte Bernstorff Verbindungen zu NS-kritischen Journalisten wie Paul Scheffer und Friedrich Sieburg. Schließlich war er auch ĂŒber Trott mit dem Kreisauer Kreis und der Gruppe um Ernst von WeizsĂ€cker verbunden.

      Um Hanna Solf bildete sich der oppositionelle Solf-Kreis, dem Bernstorff angehörte.Bereits in den 1920er Jahren war Bernstorff regelmĂ€ĂŸiger Gast im SeSiSo-Club gewesen und beteiligte sich nun auch als Mitglied im Solf-Kreis, der sich um die Witwe des ehemaligen AußenstaatssekretĂ€rs, Hanna Solf gebildet hatte. Die einzelnen Teilnehmer der Tee-Gesellschaften im Haus der Solfs an der Berliner Alsenstraße hatten Kontakte zu anderen Widerstandsgruppen und halfen Verfolgten. WĂ€hrend Trott nur hin und wieder erschien, gehörte Bernstorff zum Kern des Zirkels, der, obwohl im Solf-Kreis keine UmsturzplĂ€ne entwickelt worden sind, zu den wichtigsten Gruppen der bĂŒrgerlich-liberalen Opposition gegen den Nationalsozialismus gehört. Im Solf-Kreis kamen auch viele ehemalige Kollegen aus dem AuswĂ€rtigen Amt zusammen. Zu den Mitgliedern gehörten u.a. Richard Kuenzer, Arthur Zarden, Maria GrĂ€fin von Maltzan, Elisabeth von Thadden, Herbert Mumm von Schwarzenstein und Wilhelm Staehle. An den Planungen fĂŒr den Umsturzversuch des 20. Juli 1944 waren die Mitglieder des Kreises nur mittelbar beteiligt. Bernstorff selbst suchte ĂŒber Trott einen engeren Kontakt zum Kreisauer Kreis, dessen fortschrittliche Ideen ihn interessierten. Doch gerade die Eigenschaften, die ihm als Diplomat von Nutzen waren, seine Offenheit, GesprĂ€chigkeit und Kontaktfreudigkeit, schlossen eine Mitwirkung im Kreis der Verschwörer vom 20. Juli aus: Helmuth James Graf von Moltke und Adam von Trott bewerteten ihn als Sicherheitsrisiko fĂŒr den Widerstand und so kam eine direkte Mitwirkung Bernstorffs in Kreisau oder im Kreis um Claus Schenk Graf von Stauffenberg nicht zustande.

      Kontakte ins Ausland
      Bernstorff hielt weiterhin zahlreiche Verbindungen ins Ausland und versuchte, Briten, Amerikaner, HollĂ€nder, DĂ€nen, Schweizer und Franzosen dabei zu helfen, ein wahrheitsgemĂ€ĂŸes Deutschlandsbild zu gewinnen. So versuchte er beispielsweise, im „Evening Standard" ĂŒber die Verbrechen der Nationalsozialisten zu berichten. Aus Sorge um seine Sicherheit verhinderten Bernstorffs britische Freunde jedoch die Veröffentlichung. GegenĂŒber DĂ€nen und NiederlĂ€ndern warnte er vor den bevorstehenden ÜberfĂ€llen. Gemeinsam mit Adam von Trott bemĂŒhte sich Bernstorff bis Kriegsausbruch, den Auswahlausschuss der Rhodes-Stiftung vor den Eingriffen der Machthaber zu schĂŒtzen, was nicht gelang. Gerade die britische Seite, dort besonders Lord Lothian, ein fĂŒhrender Kopf der Appeasement-Politik, unterschĂ€tzten das Risiko, das von NS-Deutschland ausging. Bernstorff hielt außerdem Kontakt zum im Luzerner Exil lebenden Altreichskanzler Joseph Wirth und verstand sich als Verbindungsmann zwischen diesem und dem Kreisauer Kreis.

      UnterstĂŒtzung fĂŒr Verfolgte
      Albrecht Graf von Bernstorff half aktiv Menschen, die vom nationalsozialistischen Regime verfolgt wurden - nicht nur durch seine TĂ€tigkeit im Bankhaus „A. E. Wassermann", sondern auch durch direkte Hilfe, etwa das Versteckthalten jĂŒdischer Freunde. Gut dokumentiert ist seine UnterstĂŒtzung fĂŒr seinen langjĂ€hrigen Freund Ernst Kantorowicz, den Bernstorff bei sich unterbrachte, seitdem er gehört hatte, es solle zur Reichspogromnacht kommen. Mit seiner UnterstĂŒtzung gelang es Kantorowicz, noch 1938 Deutschland zu verlassen und in Amerika den Holocaust zu ĂŒberleben. Auch Jonah von Ustinov mit seiner Frau Nadja und seinem Sohn Peter hielt er in seiner Berliner Wohnung und auf Stintenburg versteckt. DarĂŒber hinaus war Bernstorff behilflich, als die Villa Liebermann, die einst Max Liebermann, dem verstorbenen Schwiegervater des mittlerweile emigrierten Kurt Riezlers, gehörte, verkauft wurde. Außerdem bemĂŒhte er sich um Visa und PĂ€sse fĂŒr jĂŒdische Deutsche, darunter Martha Liebermann - in diesem Fall letztlich erfolglos: Sie beging vor ihrer drohenden Deportation in das KZ Theresienstadt Suizid. Das gesamte Ausmaß der Hilfe Bernstorffs fĂŒr die von den Nationalsozialisten Verfolgten ist bis heute nur bruchstĂŒckhaft erforscht und lĂ€sst sich daher nur unzureichend rekonstruieren.

      Haft im KZ Dachau
      Am 22. Mai 1940 kehrte Albrecht Graf von Bernstorff von einer Schweiz-Reise, auf der er sich auch mit Joseph Wirth getroffen hatte, nach Berlin zurĂŒck, wo er von der Gestapo in seiner Wohnung verhaftet wurde. Nachdem er zunĂ€chst in das GefĂ€ngnis Prinz-Albrecht-Straße gebracht worden war, erfolgte am 1. Juni 1940 seine Überstellung in das Konzentrationslager Dachau. Die GrĂŒnde fĂŒr seine Verhaftung sind letztlich unklar. Seine zahlreichen Auslandskontakte, die als Landesverrat gewertet werden konnten, und sein öffentliches Auftreten in Berlin ergaben fĂŒr die Nationalsozialisten genug Verdachtmomente fĂŒr eine Überwachung. Daneben besteht die Vermutung, dass Bernstorff Opfer einer Familienintrige um den Erbvertrag geworden ist und er von seiner SchwĂ€gerin, die ĂŒber enge Kontakte in die NS-FĂŒhrungsrige verfĂŒgte, denunziert worden ist. Dabei handelt es sich allerdings um eine nicht hinreichend belegte Hypothese. Die tatsĂ€chlichen HintergrĂŒnde seiner Verhaftung sind nicht zuletzt wegen der schlechten Quellenlage nur unzureichend erforscht. Eindeutig festzustellen ist aber, dass Bernstorff wegen seiner regimekritischen Ansichten Opfer der Nationalsozialisten wurde - auf welche Weise die Denunziation schließlich zustande gekommen ist, erscheint zweitrangig.

      Sofort nach seiner Verhaftung bemĂŒhten sich Bernstorffs Schwestern und die GrĂ€fin Reventlow um dessen Freilassung. Sie schalteten einen Rechtsanwalt ein, der im Endeffekt aber nicht erfolgreich war. Bernstorffs Freund Hans-Detlof von Winterfeldt betraute den Rechtsanwalt Carl Langbehn mit der Angelegenheit. Langbehn verhandelte in der Folgezeit zweimal mit Himmler, Heydrich und dem Leiter der Adjutantur des ReichsfĂŒhrers der SS, Karl Wolff. Am 27. September 1940 erfolgte schließlich Bernstorffs Freilassung aus Dachau, am 1. Oktober kam es zum Abschluss eines geĂ€nderten Erbvertrages. Dass dieser Bedingung fĂŒr seine Freilassung war, wird vom Historiker Knut Hansen vermutet, kann jedoch nicht nachgewiesen werden. Letzten Endes sind auch hier die GrĂŒnde ungeklĂ€rt, offensichtlich spielte aber die Verbindung zwischen Bernstorffs SchwĂ€gerin und Karl Wolff eine Rolle.

      Nach seiner Freilassung nahm Bernstorff die TĂ€tigkeit in der Bank trotz seiner körperlichen und seelischen VerĂ€nderungen seit der KZ-Haft sofort wieder auf. Reisen ins Ausland waren jetzt nur noch mit Sondergenehmigungen möglich, da er seinen Pass hatte abgeben mĂŒssen. Bis zu seinem Tod reiste Bernstorff noch zwei mal in die Schweiz. Ansonsten gab er seinen Bekannten Briefe an Freunde im Ausland mit und erhielt auf diesem Weg Informationen. Diese Verbindungen ins Ausland liefen im Kreis um Hanna Solf zusammen, zu dem Bernstorff gehörte. Bernstorff traf sich nun wieder mit Adam von Trott, der von den fortschreitenden Planungen fĂŒr das Attentat auf Hitler berichtete. Über Richard Kuenzer verfĂŒgte der Solf-Kreis auch ĂŒber Kontakte zu Carl Friedrich Goerdeler, der nach einem geglĂŒckten Umsturz als Reichskanzler eingesetzt worden wĂ€re. Obwohl Bernstorff nun vorsichtiger sein musste, da er von der Gestapo beobachtet wurde, traf er sich weiterhin mit fĂŒhrenden Verschwörern vom 20. Juli: Den Außenpolitiker Ulrich von Hassell, Otto Kiep, Mitarbeiter von Wilhelm Canaris, sowie Rudolf von Scheliha traf er regelmĂ€ĂŸig. Auch seine humanitĂ€re Hilfe fĂŒr Verfolgte setzte er, sofern es ihm möglich war, fort.

      Erneute Haft und Ermordung
      Als Albrecht Graf von Bernstorff im Juli 1943 von seiner letzten Schweizreise zurĂŒckkehrte, wurde er von der Gestapo verhaftet und wie drei Jahre zuvor in das GefĂ€ngnis in der Prinz-Albrecht


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