Theobald von Bethmann Hollweg

Theobald von Bethmann Hollweg

Male 1856 - 1921  (64 years)    Has 15 ancestors and 5 descendants in this family tree.

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  • Name Theobald von Bethmann Hollweg 
    Relationshipwith Adam
    Born 29 Nov 1856  Hohenfinow, Brandenburg Find all individuals with events at this location 
    Gender Male 
    Died 2 Jan 1921  Hohenfinow Find all individuals with events at this location 
    Person ID I630572  Geneagraphie
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    Last Modified 12 Sep 2008 

    Father Felix von Bethmann Hollweg,   b. 1824, Burg Rheineck Find all individuals with events at this location,   d. 1900, Hohenfinow Find all individuals with events at this location  (Age 76 years) 
    Mother Isabella von Rougemont,   d. Yes, date unknown 
    Siblings 2 siblings 
    Family ID F274770  Group Sheet  |  Family Chart

    Family Martha von Pfuel,   b. 1865,   d. 1914  (Age 49 years) 
    Married Jul 1889 
    Children 
     1. NN von Bethmann Hollweg,   d. Yes, date unknown
    Last Modified 12 Sep 2008 
    Family ID F274777  Group Sheet  |  Family Chart

  • Photos
    Theobald von Bethmann Hollweg
    Theobald von Bethmann Hollweg

  • Notes 
    • wuchs in Hohenfinow in der Provinz Brandenburg auf, wohin seine Familie 1855 gezogen war. Theobalds erster Unterricht erfolgte durch Erzieherinnen und Hauslehrer. Die Erziehungsziele des Vaters Felix von Bethmann Hollweg waren HĂ€rte gegen sich selbst, Willenskraft, Treue und PflichterfĂŒllung. Dies spiegelte sich in den allgemeinen LebensumstĂ€nden Theobalds in Hohenfinow wider.

      Eine willkommene Abwechslung vom tristen, provinziellen Alltag war fĂŒr die Söhne der alljĂ€hrliche Besuch bei ihren Tanten, den Schwestern der weltgewandten Mutter, in Paris. Dort konnte er frĂŒhzeitig die europĂ€ische Umwelt kennenlernen und mögliche Vorurteile bezĂŒglich des vermeintlichen „Erbfeindes" ablegen. Dazu kam ein besonders inniges VerhĂ€ltnis zum Großvater, Moritz August von Bethmann Hollweg, der bei seinen Besuchen von Burg Rheineck in Hohenfinow mit seinem Enkel sprach, spielte und las. Moritz August von Bethmann Hollweg hatte in der Zeit des VormĂ€rz' eine gemĂ€ĂŸigt konservative Politik betrieben und war - im Gegensatz zu seinem Sohn Felix, dem Vater Theobalds - liberalen Gedanken nicht verschlossen (siehe auch: Bethmann (Familie)). Sein Enkelsohn zeichnete sich durch eine ĂŒberdurchschnittliche musische Begabung aus, die er beim Klavier spielen unter Beweis stellte.

      1869 trat er als Untertertianer in die Königliche Landesschule Schulpforta ein, um dort 1875 als Klassenbester die ReifeprĂŒfung abzuschließen. Seine Abschlussarbeit behandelte das Thema „Die ‚Perser' von Äschylus vom Standpunkt der Poetik des Aristoteles betrachtet". Er verfasste sie, wie an altsprachlichen Gymnasien ĂŒblich, in lateinischer Sprache. SpĂ€ter Ă€ußerte sich Bethmann Hollweg dahingehend, dass er nie so wie damals das GefĂŒhl geistiger Überlastung gehabt habe. Aus diesen harten Schulerlebnissen erwuchs seine Kritik an der Lehrmeisterin Geschichte und einer rĂŒckwĂ€rtsorientierten, weltfremden Einstellung. Gleichzeitig verdanke er Schulpforta eine selbststĂ€ndige Urteilsbildung.

      Bei seinen Klassenkameraden war er wegen eines gewissen Maßes an geistigem Hochmut eher geduldet als gemocht. Seine beiden einzigen Schulfreunde, Karl Lamprecht und Wolfgang von Oettingen, behielt Bethmann Hollweg aber bis zum Tod. FĂŒr die bestandene AbschlussprĂŒfung schenkte sein Großvater ihm eine mehrmonatige Italien-Reise. Über diese schrieb er an seinen Freund Oettingen:

      „Der köstlichste Gewinn, den eine Reise nach Rom bringt, ist der, dass man vor der Großartigkeit der Geschichte und der Natur die SentimentalitĂ€t etwas unterdrĂŒcken lernt."

      Studium
      Auf die Reise folgte das Studium der Rechtswissenschaften in Straßburg, das er 1876 erfolgreich abschloss. Die nĂ€chste Station seiner Ausbildung war die UniversitĂ€t Leipzig. Nach kurzem Soldatenleben in Berlin fĂŒhlte er sich faul und apathisch, lebte in den Tag hinein und fand seinen jugendlichen Idealismus verdammt fadenscheinig.

      Nach dem gescheiterten zweiten Attentat auf Kaiser Wilhelm I. am 2. Juni 1878 schrieb er, er sei von seinem utopischen Ideal der Auflösung des einzelnen Vaterlandes in einen allgemeinen Weltbrei fĂŒr immer geheilt. Doch trotz seines Protests gegen die niedertrĂ€chtigen sozialistischen Bestrebungen ordnete er sich nicht einer der bestehenden politischen Richtungen zu. In gleichem Maße verurteilte er doktrinĂ€r liberale BemĂŒhungen, die unglaublich dummen ReaktionĂ€re und die selbsternannten Kreuzzeitungsritter. Die sich herauszeichnende politische Linie war die der Mitte, des Kompromisses zwischen nicht-revolutionĂ€rer Sozialdemokratie und monarchistischem Konservatismus.

      An der Friedrich-Wilhelms-UniversitĂ€t Berlin legte Bethmann Hollweg seine AbschlussprĂŒfung ab. Sein Lehrmeister dort war Rudolf von Gneist. Sein Studium in der Hauptstadt erfolgte sicher nicht aus patriotischen GrĂŒnden: Bethmann Hollweg wollte schon bald so schnell wie möglich zurĂŒck an den Rhein. Jedoch blieb er in Berlin und arbeitete als Referendar am Amtsgericht Berlin I. Er las viel, vornehmlich auf Englisch und Französisch und diskutierte mit seinen Studienfreunden. Doch er selbst beurteilte seinen gesellschaftlichen Verkehr als Fehler meiner SchwerfĂ€lligkeit als beschrĂ€nkt und bekannte, dass man wohl in aller Ewigkeit ein langweiliger Kerl bleibt. Entgegen dem Trend der Zeit schloss er sich keiner Studentenverbindung an.

      Seiner Liebe zur Jagd folgend reiste er 1879 in die Karpaten, nachdem er sich zuvor doch noch entschlossen hatte, das preußische Offizierspatent zu erwerben. Bethmann Hollweg besuchte Wien und Budapest und schrieb an Oettingen: Fremdes Land und fremde Sitten, wie köstlich ist das fĂŒr uns nordische Biber. Darin wird deutlich, dass Bethmann Hollweg stets den Blick ĂŒber den Horizont des deutschen Nationalstaates hinaus gerichtet hat. Er befasste sich mit anderen Völkern, und seine Fremdsprachenkenntnisse waren fĂŒr einen preußischen Referendar nicht der Normalfall. Im Oktober 1880 kam der Jurist ans Amtsgericht Frankfurt/Oder.

      Verwaltungsbeamter
      Karte des Landkreises Oberbarnim1882 trat Bethmann Hollweg zur Bezirksregierung Frankfurt (Oder) ĂŒber, bevor er zu seinem Vater ans Landratsamt nach Freienwalde wechselte. 1884 legte er in Frankfurt die AssessorprĂŒfung mit Auszeichnung ab. Seine AmtseinfĂŒhrung als königlicher Regierungsassessor erfolgte am 10. Dezember 1884. Im Jahr darauf ging Bethmann Hollweg zur brandenburgischen Provinzialregierung nach Potsdam. Bereits Mitte 1885 wĂŒnschte Felix von Bethmann Hollweg seinen Landratsposten im Landkreis Oberbarnim aufzugeben, weshalb der Sohn zunĂ€chst interimistisch, am 20. Januar 1886 aber durch seine offizielle Ernennung das Amt ĂŒbernahm. Mit nur 29 Jahren war Bethmann Hollweg zum jĂŒngsten Landrat der Provinz Brandenburg geworden.

      Im Juli 1889 heiratete er Martha von Pfuel, die Tochter des Hauptritterschaftsdirektors von Pfuel auf Wilkendorf (bei Strausberg). Die Heirat stellt gleichzeitig ein Symbol fĂŒr die Akklimatisierung Bethmann Hollwegs im schwerfĂ€lligen Osten dar. Schließlich hatte Bethmann Hollweg wegen seiner westdeutschen, bĂŒrgerlichen Abstammung lange Zeit als Frankfurter Bankiersspross gegolten, was in den Kreisen des konservativen Adels als Makel gesehen wurde. Der Ehe entsprossen vier Kinder (eines starb frĂŒh). Laut Gerhard von Mutius (Bethmann Hollwegs Vetter) war und blieb er in allen Phasen seines Lebens ein einsamer Mensch. Er war weder pĂ€dagogisch, noch spielerisch genug, um sich dem Familienleben hinzugeben.

      Das Amt des Landrates ĂŒbte er mit grĂ¶ĂŸter Genauigkeit und beherztem Engagement aus. War sein Vater noch im Stil des preußischen Junkertums verfahren, zog mit dem ausgebildeten Juristen ein neues AmtsverstĂ€ndnis ein: Er fuhr selbst auf die Dörfer, sprach nicht nur mit Gutsherren, sondern auch mit deren Arbeitern, ĂŒberprĂŒfte die jĂ€hrlichen Investitionen. Als ReprĂ€sentant des preußischen Königs ließ Bethmann Hollweg große Gerechtigkeit walten. Seine Arbeit beruhte auf dem Prinzip der freiwilligen Mitwirkung der BĂŒrger, weniger auf autoritĂ€ren Anweisungen. Das ausgeprĂ€gte GefĂŒhl fĂŒr seine Schutzbefohlenen machte ihn zu einem der fortschrittlichsten LandrĂ€te seiner Zeit.

      1890 stellten Konservative, Nationalliberale und Freikonservative Bethmann Hollweg als gemeinsamen Kandidaten fĂŒr den Reichstag auf. Damit trat er politisch in die Fußstapfen seines Vaters Felix, der seinem zögernden Sohn zur Kandidatur geraten hatte. Mit einer Mehrheit von nur einer Stimme war die Kandidatur zwar erfolgreich, doch Proteste der gegnerischen Kandidaten wegen vermeintlicher UnregelmĂ€ĂŸigkeiten sorgten fĂŒr eine Neuwahl, bei der der freikonservative Landrat nicht mehr teilnahm. Damit war die kurze Episode Bethmann Hollwegs als Parteipolitiker beendet. Zeit seines Lebens blieb ihm das Parteiwesen unsympathisch.

      Nach zehn Jahren Landratszeit erfolgte 1896 seine Beförderung zum OberprĂ€sidialrat im OberregierungsprĂ€sidum Potsdam. In diesem Amt verblieb er drei Jahre, bevor er am 1. Juli 1899 zum RegierungsprĂ€sidenten in Bromberg ernannt wurde. Nur drei Monate spĂ€ter war Theobald von Bethmann Hollweg mit 43 Jahren als jĂŒngster OberprĂ€sident Preußens an die Spitze der Provinz Brandenburg aufgestiegen. Dieser schnelle berufliche Erfolg war durch mehrere Faktoren ermöglicht worden: Einerseits durch sein eigenes Talent in staatsmĂ€nnischen TĂ€tigkeiten, dann durch das Prestige des Großvaters und andererseits durch die FĂŒrsprache des Reichskanzlers Chlodwig zu Hohenlohe-SchillingsfĂŒrst, der den Aufstieg des jungen OberprĂ€sidenten seit einiger Zeit beobachtet hatte.

      An der Spitze der bedeutendsten Provinz des Königreichs boten sich fĂŒr Bethmann Hollweg nun ganz neue Möglichkeiten gesellschaftlicher Kontaktaufnahme. Die rasante Entwicklung der Weltstadt Berlin warf fĂŒr ihn komplexe Fragen der neuen Industriegesellschaft auf. Nannten ihn seine Zeitgenossen einen geborenen OberprĂ€sidenten, fĂŒhlte sich Bethmann Hollweg selbst deplaziert: Er fluchte in goethe'scher Manier ĂŒber das geschĂ€ftige Nichtstun der Narren, Philister und Schelme von Beamten. Zudem nahm er den Briefverkehr mit seinem Freund Oettingen nach beinahe fĂŒnfzehnjĂ€hriger Unterbrechung wieder auf. Ohne dass ein besonderer Grund vorlag, waren sich Oettingen und Bethmann Hollweg einander fremd geworden. Letzterer hatte in dieser Zeit unter der beruflichen PflichterfĂŒllung seine sozialen Kontakte vernachlĂ€ssigt. 1901 machte er jedoch einen Schritt zur Wiederaufnahme der Beziehung und schrieb an Oettingen:

      „Ich bin ein Mensch, der der FĂŒlle der ihm gestellten Aufgaben nie gewachsen war, der darin zu einem oberflĂ€chlichen und darum unbefriedigten Dilettanten geworden ist, und dem trotzdem Stellung ĂŒber Stellung restlos zugeflogen ist. [...] Wann wird sich bei mir der Neid der Götter offenbaren, oder verbĂŒĂŸe ich meine Schuld dadurch, dass ich das unverdiente GlĂŒck nicht voll und rein genießen kann? Dass ich das VerhĂ€ltnis zwischen Kraft und Pflicht tĂ€glich peinigend erlebe?"

      OberprĂ€sident Bethmann Hollweg orientierte sich an den Entwicklungen im europĂ€ischen Ausland: Als preußischer Kosmopolit weilte er 1904 in Paris. Zuvor hatte er sich in London als Gast Paul Metternichs fortgebildet: In Berlin stand die Eingemeindung von Vororten auf der Tagesordnung und Bethmann Hollweg nahm sich fĂŒr diese Aufgabe den Stadtverband Groß-London zum Vorbild.

      Preußischer Innenminister
      Preußischer LandtagAm 21. MĂ€rz 1905 erfolgte die Ernennung Bethmann Hollwegs zum preußischen Minister des Innern und damit der endgĂŒltige Aufstieg in die Politik. FĂŒr dieses Amt hatte der Altkanzler Hohenlohe ihn vorgeschlagen. Bethmann Hollweg nahm die Aufgabe nur widerwillig an, da er Ansichten vertrete, die in den preußischen Schematismus nicht hineinpassen. Die Ernennung war vor allem bei den Konservativen umstritten. Ernst von Heydebrand schrieb: Als Minister des Innern brauchen wir einen Mann mit fester Hand und RĂŒckgrat. [...] Statt eines Mannes geben Sie uns einen Philosophen. Nach Zeugnis Bernhard von BĂŒlows ging Heydebrand sogar noch weiter: Der Mann ist mir zu klug. FĂŒr Sozialdemokraten und Radikalliberale war er nur ein weiterer Vertreter des verhassten Obrigkeitsstaates, weshalb ihm auch die linke Seite mit Reserviertheit betrachtete. So machte sich bereits zu Anfang die parteipolitische Heimatlosigkeit Bethmann Hollwegs bemerkbar, die aus einem Fehlen einer echten Mitte resultierte.

      Als bedeutende Aufgabe setzte er sich, der das langsame Auseinanderdriften der wilhelminischen Gesellschaft in immer nationalistischer, militaristischer werdende Rechte und immer radikaler, republikanischer werdende Linke frĂŒh feststellte, die GegensĂ€tze der politischen Interessen durch Kompromisse zu ĂŒberwinden. An den damals neu ernannten Chef der Reichkanzlei Friedrich Wilhelm von Loebell schrieb er:

      „Die zu versöhnenden Elemente haben keinerlei innerliches VerhĂ€ltnis fĂŒr die gegenseitigen politischen Anschauungen mehr. Sie stehen einander gegenĂŒber wie die Glieder verschiedener Welten. Hoffentlich glĂŒckt es Ihnen, ausgleichend zu wirken, denn ohne allmĂ€hliche Assimilierung kommen wir zu ganz unhaltbaren ZustĂ€nden."

      So richtete sich sein Blick als Politiker frĂŒh auf die Verpflichtung der SPD auf das bestehende StaatsgefĂŒge. In seiner Antrittsrede im Preußischen Abgeordnetenhaus vom 6. April 1905 nahm er in diesem Sinne Stellung zum Antrag der Linken auf Schaffung eines Volkswohlfahrtsamtes. Dabei bezeichnete er die Volkswohlfahrtspflege als wichtigste und ernsteste Aufgabe der Gegenwart. Die Beförderung nationaler Volkskultur habe den Kern jeder staatlichen TĂ€tigkeit zu bilden und zur Veredelung der VergnĂŒgungen der Menschen beizutragen. Gleichzeitig wandte er sich eindrucksvoll gegen politische, religiöse und soziale Ressentiments, indem er den Abgeordneten (unter großem Beifall der Linken und Nationalliberalen) zurief: Nihil humani a me alienum puto. Er schöpfe Vertrauen in die EntwicklungsfĂ€higkeit menschlicher Art und freue sich, dass das KulturbedĂŒrfnis der BĂŒrger auch in den unteren Schichten stĂ€ndig steige. Bethmann Hollweg versprach, den Antrag grĂŒndlich und wohlwollend zu prĂŒfen und wies darauf hin, dass die Befreiung von bĂŒrokratischen Fesseln nur bei freier Teilnahme aller Volkskreise möglich sei.

      FĂŒr einen preußischen Innenminister waren diese KlĂ€nge ungewöhnlich. Das Berliner Tageblatt schrieb 1909 rĂŒckblickend auf Bethmann Hollwegs Antrittsrede: Man war in diesem Dreiklassenparlament mit seinem flachen NĂŒtzlichkeitsdenken nicht daran gewöhnt, so etwas wie eine Weltanschauung zu finden und die Staatsnotwendigkeiten durch philosophische GrĂŒnde erhĂ€rtet zu sehen. Herr von Bethmann Hollweg wurde angestaunt wie eine rara avis (seltener Vogel).

      1906 wurde im Preußischen Abgeordnetenhaus die Frage des Dreiklassenwahlrechts behandelt: Hier war der Kurs Bethmann Hollwegs deutlich vielschichtiger als der seiner Kollegen. Er lehnte im Parlament eine Übertragung des allgemeinen und gleichen Reichstagswahlrechts auf Preußen ab, betonte, dass die königliche Staatsregierung zwar hinter dem Notwendigen nicht zurĂŒckbleiben, ĂŒber das Ausreichende aber nicht hinausgehen wolle. Der Minister warnte vor demokratischer Gleichmacherei, lobte aber das gewaltige Aufstreben unserer Arbeiterschaft und die langsame, aber entschiedene Hinwendung zum großen Aristokraten des Geistes, Kant. Dessen Ansichten versuchen die Triebe des Menschen zu entwickeln, die nach der Höhe streben. An seinen Freund Oettingen schrieb Bethmann Hollweg:

      „Ich war mir wohl bewusst, mit meiner Rede nicht nur in ein Wespennest zu stechen, sondern auch die eigene Persönlichkeit aufs Spiel zu setzen. Unser preußisches Wahlrecht ist auf die Dauer unhaltbar, und wenn es auch ein an sich aktionsfĂ€higes Parlament lieferte, so ist doch dessen konservative Mehrheit so banausisch gesinnt und in dem satten GefĂŒhl ihrer unantastbaren Macht fĂŒr jeden vorwĂ€rts Wollenden so demĂŒtigend, dass wir neue Grundlagen suchen mĂŒssen. Aber schon fĂŒr diesen Grundgedanken finde ich weder im Staatsministerium noch auch wahrscheinlich bei Seiner MajestĂ€t und natĂŒrlich unter keinen UmstĂ€nden bei der MajoritĂ€t des Landtages irgend welches VerstĂ€ndnis. [...] Die Konservativen vorwĂ€rts treiben und die Liberalen von Parteifragen und Parteischablonen abdrĂ€ngen - ich verzweifele an der Möglichkeit, wenn ich sehe, wie meine Worte, grĂ¶ĂŸtenteils allerdings böswillig, missverstanden und verdreht werden. Der Zusammenhang zwischen Lebensanschauung und Politik ist den Menschen ganz unverstĂ€ndlich geworden, und man setzt sich höhnischer Kritik aus, wenn man ganz bescheidentlich auf ihn hinweist."

      Im selben Jahr brach der polnische Schulstreik aus, mit dem die polnischen Schulkinder der Provinz Posen - vom katholischen Klerus unterstĂŒtzt - zu erreichen versuchten, dass der Unterricht wieder in polnischer Sprache erteilt werden durfte. Die Konservativen pochten auf Erhöhung der militĂ€rischen PrĂ€senz in Posen, was Bethmann Hollweg entschieden ablehnte. Er genehmigte vielmehr, Religionsunterricht zukĂŒnftig in polnischer Sprache zu geben. ZwangsverfĂŒgungen sah er als nicht mehr empfehlenswertes staatliches Machtmittel vergangener Zeiten [an], das moralisch bedenklich sei.

      1907 stand im Zeichen des BĂŒrokratieabbaus: Er forderte das Preußische Herrenhaus zur Lockerung der bĂŒrokratischen Fesseln auf und erklĂ€rte am 19. Februar vor dem Abgeordnetenhaus, er wolle so viel dezentralisieren wie möglich. Dabei gehe er nach eigener Aussage noch ĂŒber die Linken des Hauses hinaus.

      Die Einstellung des Ministers, das Königreich Preußen mĂŒsse im Alltag menschlicher und toleranter werden, zeigte sich 1906 bei der AffĂ€re um die homosexuellen Neigungen des Kaiserfreundes Philipp Eulenburg. Der kaiserliche Hof gab dem PolizeiprĂ€sidium Berlin den Auftrag, eine Liste aller höhergestellten Homosexuellen aufzustellen. Bethmann Hollweg hatte diese Liste als Innenminister vor der Übergabe an den Kronrat zu prĂŒfen. Er gab sie stattdessen dem zustĂ€ndigen Kriminalisten, Hans von Tresckow, mit der Bemerkung zurĂŒck, er wolle so viele Menschen nicht unglĂŒcklich machen.

      Im Oktober 1907 ging die preußische Ministerzeit fĂŒr Theobald von Bethmann Hollweg mit seinem Wechsel zum Reichsamt des Innern zu Ende. Am 24. Juni 1907 stieg er als Nachfolger des nĂŒchternen aber engagierten Arthur von Posadowsky-Wehner zum StaatssekretĂ€r auf. Damit wurde er gleichzeitig zum VizeprĂ€sidenten des Preußischen Staatsministeriums, zum nach dem Kanzler BĂŒlow wichtigsten Politiker des Kaiserreiches.

      StaatssekretÀr des Innern
      Theobald von Bethmann HollwegBethmann Hollweg war durch BĂŒlow in unmittelbarem Anschluss an die Reichstagswahl 1907, die eine herbe Niederlage fĂŒr die Sozialdemokratie darstellte, zum StaatssekretĂ€r des Innern berufen worden. Der Kanzler erhoffte sich, nach dem als aufmĂŒpfig empfundenen Posadowsky einen Mitarbeiter berufen zu haben, mit dem es sich weitaus bequemer arbeiten ließ. Das Amt hatte Bethmann Hollweg nur höchst widerwillig angenommen. Da er die Berufung als kaiserlichen Befehl auffasste, sah er fĂŒr sich letztendlich keine Alternative. Er schrieb an seine Frau:
      „Gesucht habe ich die neue BĂŒrde nicht, sondern mich bis zum Letzten gegen sie gewehrt. Nun sie mir auferlegt ist, muss ich sie zu tragen versuchen, wie ich nun einmal bin. Ich fĂŒrchte mich nicht sowohl vor der positiven Arbeit, vor den Gesetzen, die nun einmal die öffentliche Meinung will, als vor dem unpolitischen Sinn unserer Nation, der von vorgefassten Meinungen nicht lassen will, und der doch zu Opfern gezwungen werden muss, wenn es glĂŒcken soll, alles LebenskrĂ€ftige zu politischer Mitarbeit zu verpflichten."
      Zu den anspruchsvollen Aufgaben als wichtigster Ressortleiter Deutschlands kam noch (zumeist) der Vorsitz (als Vertretung des Reichskanzlers) im Bundesrat. In der sozialpolitischen Tradition seines VorgĂ€ngers stehend gab er der Innenpolitik ein neues Profil: Bethmann Hollweg besuchte im Oktober 1907 den Deutschen Arbeiterkongress, ein zentrales Treffen der christlichen Gewerkschaften, wo das Auftreten eines kaiserlichen StaatssekretĂ€rs als großer Fortschritt gewertet wurde.
      Am 2. Dezember 1907 stand im Reichstag die Schaffung eines Reichsarbeitsamtes zur Debatte, was der StaatssekretĂ€r schon allein wegen geforderter Abgabe eigener Ressorts ablehnte. Gleichzeitig wies er die Behauptung zurĂŒck, in sozialpolitischen Angelegenheiten wĂŒrde die Regierung ruhen: Ich habe in dieser TĂ€tigkeit niemals auch nur eine Spur von mĂŒdem Skeptizismus entdeckt; in ihr hat sich, allerdings fernab von der parlamentarischen Arena, unser heutiges Deutschland gebildet. Darin spiegelt sich seine Einstellung wider, dass sich das Suchen und Tasten nach Neuem im Volke selbst vollzieht, nicht bei den Volksvertretern. Aufgrund dessen sei erforderlich, fĂŒr die neuen Anschauungen, welche aus den gewandelten wirtschaftlichen und sozialen VerhĂ€ltnissen hervorgegangen sind, Raum zu schaffen.
      Nur wenige Tage spĂ€ter legte er den damaligen § 7 (sog. „Sprachenparagraph") des Vereinsgesetz-Entwurfes als StaatssekretĂ€r so aus, dass das Verbot des Gebrauchs einer Fremdsprache als Verhandlungssprache nur dann gelten wĂŒrde, wenn der Gebrauch des fremden Idioms gegen das Kaiserreich gerichtet sei. Die GrĂŒndung polnischer Vereine erklĂ€rte er damit fĂŒr zulĂ€ssig. (Siehe auch: BĂŒlow-Block) Der Entwurf wurde durch den Reichstag angenommen.
      Die Mitglieder des preußischen Staatsrates fĂŒhrten im FrĂŒhjahr 1908 eine Diskussion ĂŒber ein neues Gesetz gegen sozialdemokratische Bestrebungen. Reichskanzler BĂŒlow ĂŒbertrug in diesem Punkt seinem StaatssekretĂ€r die Vollmachten. Bethmann Hollweg wies aber, anstatt einen Gesetzentwurf vorzulegen, den Wunsch nach einer solchen Bestimmung zurĂŒck. Diese wĂŒrde die VerbĂŒrgerlichung der Sozialdemokratie, die Bethmann Hollweg schon bei vielen Gelegenheiten versuchte zu fördern, empfindlich beeintrĂ€chtigen.
      Zur gleichen Zeit waren sechs sozialdemokratische Abgeordnete darin begriffen, in den preußischen Landtag einzuziehen. Diesen Vorgang bedachte Bethmann Hollweg mit der kurzen Bemerkung: Das ist die Freiheit, die ich meine. Auf seinen Rat hin kĂŒndigte der Kaiser in der von Bethmann Hollweg verfassten Thronrede vom 20. Oktober 1908 eine Wahlreform im Königreich Preußen an. Wilhelm II. versprach eine organische Fortentwicklung, was der Monarch als eine der wichtigsten Aufgaben der Gegenwart bezeichnete. Friedrich Naumann, der den Stil des StaatssekretĂ€rs mochte, hob spĂ€ter den positiven Einfluss Bethmann Hollwegs auf den Kaiser besonders hervor.

      Am 28. Oktober 1908, nur acht Tage nach der hoffnungsvollen Thronrede, gab Wilhelm II. dem „Daily Telegraph" jenes Interview, das zur gleichnamigen AffĂ€re fĂŒhrte. Infolgedessen verlor BĂŒlow sein Vertrauen beim Kaiser, der ihn, als der BĂŒlow-Block in der Debatte zur EinfĂŒhrung der Erbschaftssteuer zusammengebrochen war, entließ. Damit öffnete sich fĂŒr den Vizekanzler Bethmann Hollweg der Weg zum höchsten Politikeramt.

      Reichskanzler
      Amtsantritt und Reaktionen
      Das Reichskanzlerpalais in der WilhelmstraßeWilhelm II. berief Bethmann Hollweg am 7. Juli 1909 aus unterschiedlichen GrĂŒnden zum Reichskanzler: Einerseits war er schon in BĂŒlows Amtszeit dessen Stellvertreter gewesen, andererseits wusste der Kaiser um die ausgleichende Persönlichkeit des StaatssekretĂ€rs, die die Situation der rivalisierenden Parteien beruhigen sollte. Zudem stand Bethmann Hollweg durch sein bescheidenes Auftreten und seine Erfolge als Kaiserberater in der Gunst Wilhelms II. Die Berufung Bethmann Hollwegs war zuvor in Politikerkreisen, u.A. von Friedrich August von Holstein, nahegelegt worden.
      Loebell, der Leiter der Reichskanzlei, schrieb spĂ€ter, Bethmann Hollweg habe ihn unter TrĂ€nen beschworen, BĂŒlow von einem Ernennungsvorschlag abzuraten. Stattdessen solle der OberprĂ€sident der Rheinprovinz, Freiherr von Schorlemer-Lieser, Kanzler werden. Schließlich nahm Bethmann Hollweg seine Beförderung als kaiserlichen Befehl hin, dem er Folge zu leisten hatte. Karl von Eisendecher gegenĂŒber sagte er: Nur ein Genie oder ein von Machtkitzel und Ehrgeiz verzehrter Mann kann ein solches Amt anstreben. Und ich bin keins von beiden. Der gewöhnliche Mann kann es nur in letztem Zwange des Pflichtbewusstseins annehmen.
      Aus allen Parteien, einschließlich der SPD, kam ein eher positives Echo auf die Ernennung: Zwar hatte das Zentrum Bedenken und fĂŒr die Sozialdemokraten stellte Bethmann Hollweg nur einen weiteren kaisertreuen Reichskanzler dar. Doch die wohlwollende NeutralitĂ€t des gesamten Parteienspektrums resultierte aus der Vielschichtigkeit seiner Person: Er war kein Ostelbier, kein Junker im eigentlichen Sinne, was die Linken als positives Zeichen aufgriffen. Seine Familiengeschichte machte ihn bei Nationalliberalen und Zentrum geschĂ€tzt und seine TĂ€tigkeit als Verwaltungsbeamter schuf Vertrauen bei den Konservativen.

      Die Resonanz aus dem Ausland war ausschließlich freundlich: Die französische Zeitschrift „Journal des DĂ©bats" sprach von einem beruhigenden Symptom fĂŒr die deutsch-französischen Beziehungen. Der französische Botschafter in Berlin, Jules Cambon, schickte dem neuen Reichskanzler sogar ein offizielles GlĂŒckwunschschreiben. So etwas war bis zu diesem Zeitpunkt noch niemals vorgekommen. Die Deutsche Botschaft London unter Graf Metternich schrieb, der britische König halte den neuen Kanzler fĂŒr einen wichtigen Partner fĂŒr die Beibehaltung des Friedens. Auch Österreich-Ungarn und das Russische Reich schickten GlĂŒckwunschtelegramme in die Reichskanzlei. William H. Taft, der PrĂ€sident der Vereinigten Staaten lobte, dass zum ersten Mal ein deutscher Kanzler aus der inneren Verwaltung genommen worden war.

      Baronin Spitzemberg, eine Dame aus Hofkreisen, kommentierte die Berufung folgendermaßen: Wie kann ein so edles Pferd einen so schweren und verfahrenen Karren aus dem Sumpf ziehen?

      Innenpolitische Positionen
      1910 legte Bethmann Hollweg eine Reformvorlage fĂŒr die Änderung des preußischen Wahlrechts vor, die vom Reichstag aber abgelehnt wurde.
      Im Januar desselben Jahres ergab sich ein Briefkontakt mit Professor Karl Lamprecht. Diesem schrieb Bethmann Hollweg, der Regierung stelle sich die große Aufgabe politischer Erziehung des Volkes unter Beseitigung der Herrschaft von Phrasen und oberflĂ€chlicher Wertungen. Die Grundaufgabe eines Staatsmannes sah Bethmann Hollweg in einem gewissen Hinhorchen in die Entwicklung
      Da er sich seit seiner Zeit als StaatssekretĂ€r den sĂŒddeutschen Staaten in besonderer Weise verpflichtet fĂŒhlte, nicht zuletzt wegen seines Studienaufenthaltes in Straßburg, trieb er die Reform der staatsrechtlichen Stellung des Reichslandes Elsaß-Lothringen voran. Das Reichsland erhielt eine eigene Verfassung mit einem Zweikammer-System, dessen Unterhaus nach Reichstagswahlrecht zusammentrat. Gegen heftigsten Protest von Konservativen und MilitĂ€rs wurde die Vorlage des Reichskanzlers am 23. MĂ€rz 1911 angenommen. Anders als in Preußen traten Bethmann Hollweg keine einflussreichen Konservativen entgegen, weshalb seine demokratische Verfassungsinitiative zum Abschluss gelangen konnte.

      Außenpolitische Positionen
      In der Außenpolitik legte Bethmann Hollweg von Beginn an viel Wert auf eine VerstĂ€ndigung mit England. Zugleich hielt er die deutsch-österreichischen Beziehungen fĂŒr so problemlos, dass er es fĂŒr wichtiger erachtete, sich den anderen MĂ€chten gegenĂŒber als freundlich zu erweisen. Als StaatssekretĂ€r des Äußeren berief er Alfred von Kiderlen-Waechter, der sich, anfangs als gute Besetzung aufgefasst, spĂ€ter als eine EnttĂ€uschung erwies. Der impulsive Schwabe stellte in vielerlei Hinsicht einen Gegensatz zum Reichskanzler dar: Nicht nur in seiner temperamentvollen Lebensart, sondern vor allem auch in außenpolitischen Fragen. Obwohl Kaiser Wilhelm II. in seiner Thronrede 1909 noch das verstĂ€rkte Auftreten des Kaiserreiches fĂŒr friedliche und freundliche Beziehungen zu den anderen MĂ€chten gefordert hatte, so entsprach die Diplomatie Kiderlen-Waechters im Zusammenhang mit dem Panthersprung nach Agadir ganz und gar nicht dieser Maxime. Bethmann Hollweg sagte am 5. MĂ€rz 1910 im Reichstag:

      „Unsere auswĂ€rtige Politik allen MĂ€chten gegenĂŒber ist lediglich darauf gerichtet, die wirtschaftlichen und kulturellen KrĂ€fte Deutschlands frei zur Entfaltung zu bringen. Diese Richtlinie ist nicht kĂŒnstlich gewĂ€hlt, sondern ergibt sich von selbst aus dem Dasein dieser KrĂ€fte. Den freien Wettbewerb anderer Nationen kann keine Macht auf der Erde mehr ausschalten oder unterdrĂŒcken. [
] Wir sind alle darauf angewiesen, in diesem Wettbewerb nach den GrundsĂ€tzen eines ehrlichen Kaufmanns zu verfahren."

      1911 griff er dieses Wort vom Kaufmann als Randbemerkung zum fĂŒr den Kanzler besorgniserregenden, eigenmĂ€chtigen Vorgehen seines StaatssekretĂ€rs vorm Deutschen Handelstag in Heidelberg wieder auf:

      „Kein verstĂ€ndiger Kaufmann dĂŒnkt sich zur Alleinherrschaft berufen."

      SpĂ€ter wurde Bethmann Hollweg sein passives Auftreten in der Zweiten Marokkokrise hĂ€ufig zum Vorwurf gemacht. Dass er trotz seiner Bedenken an der Politik Kiderlen-Waechters, seinem StaatssekretĂ€r freie Hand ließ, lĂ€sst sich durch das GefĂŒhl mangelnder außenpolitischer Fachkompetenz des Kanzlers erklĂ€ren. Durch stĂ€ndige Selbstkritik hielt sich Bethmann Hollweg fĂŒr nicht kompetent genug, um dem vermeintlichen Fachmann Kiderlen-Waechter in der Marokkofrage Paroli zu bieten.

      Der zweite außenpolitische Problemfall neben der Marokkokrise war fĂŒr Bethmann Hollweg die von StaatssekretĂ€r Alfred von Tirpitz gewĂŒnschte Erweiterung der Kaiserlichen Marine. In dieser Frage setzte der Kanzler auf enge Zusammenarbeit mit Großbritannien. Der Dialog mit dem Vereinigten Königreich sollte einerseits eine behutsame Flottenerweiterung ermöglichen und gleichzeitig durch Ehrlichkeit die Beziehungen verbessern. Diesen Weg versuchten Bethmann Hollweg und Botschafter Paul Metternich seit 1909 gemeinsam zu verfolgen. Aufgrund von Drohreden der deutschen Konservativen im Reichstag und der britischen Konservativen in den Houses of Parliament verliefen diese BemĂŒhungen erfolglos. Die Folgen der Marokkokrise waren auch auf diesem Feld seit 1911 zu spĂŒren und die zeitweise AnnĂ€herung war wieder wett gemacht.

      (Dazu siehe auch: Deutsch-Britisches WettrĂŒsten)

      Die deutsch-russischen Beziehungen hatten vor der Marokkokrise neuen Auftrieb bekommen. 1910 war Zar Nikolaus II. in Potsdam gewesen, was der Reichskanzler in einem Brief an Eisendecher als Sprungbrett fĂŒr eine VerstĂ€ndigung mit England bezeichnete. Nach Aufzeichnungen des russischen Hofstaates sah der Zar eine kriegerische Verwicklung mit Deutschland in weite Entfernung gerĂŒckt.

      An der Außenpolitik Bethmann Hollwegs wurde durch die Rechte erhebliche Kritik geĂŒbt. Den Kanzler verunglimpften die Konservativen als feige. Von der SPD kam dagegen Anerkennung. Ludwig Frank lobte im Reichstag den Kanzler, nachdem dieser einen Krieg mit Frankreich um Marokko als Verbrechen bezeichnet und die demagogischen Wege der Konservativen verurteilt hatte. Diese Rede Bethmann Hollwegs sei eine mutige und verdienstvolle Tat von bleibendem Wert gewesen, so die Sozialdemokraten. Doch aus dem Lager der Nationalliberalen kam Kritik. Walther Rathenau, der eigentlich politischer Freund des Kanzlers war, schrieb nach einem Treffen mit BĂŒlow stichwortartig: Mangel an Zielen in innerer und Ă€ußerer Politik. Seine (BĂŒlows) Politik hĂ€tte noch ein Ziel gehabt: Platz an der Sonne, Flotte, Weltmacht. Jetzt nichts mehr.

      Die Marokkokrise, die Bethmann Hollweg wie nie zuvor in internationale Politik hineingezogen hatte, wurde mit einem deutsch-französischen Abkommen beigelegt, in dem das Kaiserreich seine AnsprĂŒche auf Marokko (erneut) aufgab und im Gegenzug dafĂŒr Neukamerun, eine Landerweiterung Deutsch-Kameruns, erhielt. Der konservative KolonialstaatssekretĂ€r Friedrich von Lindequist protestierte heftig und trat im November 1911 zurĂŒck. Doch anstatt den von Lindequist vorgeschlagenen Nachfolger zu ernennen, wĂ€hlte Bethmann Hollweg den liberalen Gouverneur von Samoa, Wilhelm Solf. Dieser vertrat als einer der wenigen Außenpolitiker des Kaiserreichs voll und ganz die Linie Bethmann Hollwegs. Solf legte auf VerstĂ€ndigung und eine friedliche Emanzipation Deutschlands den grĂ¶ĂŸten Wert. Er trat in diesem Sinne auch nach dem Tod Bethmann Hollwegs als Bewahrer dessen politischen Erbes auf.

      1912 scheiterte mit der Haldane-Mission ein erneuter Versuch Bethmann Hollwegs, einen Ausgleich mit Großbritannien in der Flottenfrage zu erzielen. Dennoch genoss Bethmann Hollweg beim britischen Außenminister Sir Edward Grey einen guten Ruf: So long as Bethmann Hollweg is chancellor we will cooperate with Germany for the peace of Europe.

      1912 arrangierte der Reichskanzler ein Treffen zwischen Kaiser und Zar in Baltischport (heute Paldiski, Estland) zu einer freundschaftlichen Unterredung. Im Anschluss daran besuchten Wilhelm II. und Bethmann Hollweg St.Petersburg als Gegenbesuch fĂŒr die Visite des Zaren in Potsdam 1910. Nach GesprĂ€chen mit MinisterprĂ€sident Kokowzow und Außenminister Sasonow konnte Bethmann Hollweg an Eisendecher schreiben, er habe vertrauensvolle und freundschaftliche Beziehungen knĂŒpfen können. Nach Abschluss der offiziellen Konferenz blieb der Kanzler noch einige Tage in Russland. Er war beeindruckt von den neuen EindrĂŒcken, die ihm St. Petersburg bot. Zudem habe er sich von Vorurteilen befreien können, die er aus unserer leichtfertigen Journalistik eingesogen habe. Die Hurrahstimmung unserer unverantwortlichen Politiker sei ihm im Blick aus der Ferne noch gefĂ€hrlicher erschienen. Auf der zutiefst erfrischenden Reise habe er die heimische Misere vergessen und die Hoffnung schöpfen können, langfristig auch grĂ¶ĂŸere koloniale und Welthandelsbestrebungen verwirklichen zu können, ohne einen Krieg heraufzubeschwören. Auch fand er eine gewisse StĂ€rke in seiner Haltung gegenĂŒber den Alldeutschen wieder, deren superkluge Alarmartikel er mit Spott bedachte. Aber mit diesen Schafsköpfen sei nun mal keine Politik zu machen.

      Am 25. Juli 1912 weilte Walther Rathenau auf Hohenfinow, um mit dem Kanzler ĂŒber dessen Russlandreise zu sprechen. Rathenau notierte in seinem Tagebuch, Bethmann Hollweg wolle den modus vivendi auch in der Russlandfrage erhalten. Diese Worte unterstreichen, dass in der deutschen Politik keineswegs ein GefĂŒhl der Kriegsvorbereitungen herrschte. In außenpolitischen Fragen hatte Rathenau Bethmann Hollweg Folgendes vorgeschlagen: EuropĂ€ische Zollunion, britischen Imperialismus im Mittelmeer unterbinden, danach BĂŒndnis mit Großbritannien zwecks VerstĂ€ndigung und eigener kolonialer Erwerbungen. Diese Forderungen entsprangen nicht dem Gedankengut des Kanzlers, doch unterschrieb er den Vorschlagskatalog mit allgemein einverstanden.

      Innenpolitik wÀhrend der Zabern-AffÀre
      Wenige Monate spĂ€ter erschĂŒtterte die Zabern-AffĂ€re die deutsche Politik und Öffentlichkeit. Im elsĂ€ssischen Zabern hatte ein Leutnant sich der Bevölkerung gegenĂŒber taktlos verhalten, wurde von seinem Obersten jedoch nur geringfĂŒgig zur Rechenschaft gezogen, und nach Protest der ElsĂ€sser ließ das MilitĂ€r sogar einige BĂŒrger unrechtmĂ€ĂŸig festnehmen. Bevor sich der Kanzler der EntrĂŒstung des Reichstages und der Bevölkerung stellen musste, nahm er Kontakt zum Statthalter in Straßburg, Karl von Wedel, auf. Der Kanzler sah seinen politischen Weg der Diagonalen, der Mitte gefĂ€hrdet. Die aufgebrachte Stimmung heizte die inneren Konflikte des Kaiserreichs erneut an und riss alte Wunden wieder auf.

      Am 2. Dezember 1913 erklĂ€rte Bethmann Hollweg im Reichstag, der Rock des Kaisers mĂŒsse unter allen UmstĂ€nden respektiert werden. Dies fĂŒhrte zum allgemeinen Eindruck, der Kanzler sei in seinen AusfĂŒhrungen voll und ganz dem Kriegsminister Erich von Falkenhayn gefolgt. Die Parteien, die bisher Bethmann Hollweg als TrĂ€ger einer fortschrittlichen Politik unterstĂŒtzt hatten, d.h. Zentrum, Fortschrittliche Volkspartei, Nationalliberale Partei und Sozialdemokraten, brachten geschlossen einen Misstrauensantrag gegen den Reichskanzler ein. Philipp Scheidemann wies auf die vorbildlichen VerfassungszustĂ€nde in Großbritannien und den Niederlanden hin, worauf Bethmann Hollweg mit abweisenden, ungehaltenen Zwischenrufen reagierte. Der bisherige Kanzler der Mitte schien nach rechts gewechselt zu sein, ungeachtet dessen, dass er in national-konservativen Kreisen nach wie vor geradezu gehasst und als Demokrat verschrien war. Mit UnterstĂŒtzung des Kronprinzen ließ die Berliner Bevölkerung ihrem Unmut freien Lauf: In den Straßen formierten sich ProtestzĂŒge, „Bethmann-Soll-weg" rufend. Der Kaiser ließ wĂ€hrenddessen PersonalvorschlĂ€ge einholen. Bethmann Hollweg fĂŒhlte sich vom parlamentarischen Feuerregen erfasst, wie er an Oettingen schrieb. Wahrscheinlich tauge ich deshalb nicht zum Politiker. Gegen seine Überzeugung war der Kanzler im Parlament aufgetreten, um die NeutralitĂ€t der Regierung zu wahren und seine LoyalitĂ€t dem Kaiser gegenĂŒber zu untermauern. Letztendlich war er aber auch gegenĂŒber den MilitĂ€rs eingeknickt und in eine Position der SchwĂ€che geraten. In dieser großen Krise Bethmann Hollwegs bekannte er zum ersten Mal, dass er es bedauere, keine Partei hinter sich zu haben. An den Kronprinzen schrieb er:

      „Mit dem Schwert rasseln, ohne dass die Ehre, die Sicherheit und die Zukunft des Landes bedroht sind, ist nicht nur tollkĂŒhn, sondern verbrecherisch."

      Zeit der Hoffnung
      Zur Jahreswende 1913/1914 hatte sich die Stimmung langsam beruhigt und den Kanzler umfing ein neuer außenpolitischer Optimismus. Mit dem Frieden von Bukarest, so schien es Bethmann Hollweg, hatte man die Probleme auf dem Balkan mittelfristig gelöst, und ein neuerlicher Briefverkehr mit dem russischen Außenminister Sasonow stabilisierte nach Osten hin. Die Liman-Krise um die deutsche MilitĂ€rmission im Osmanischen Reich war ĂŒberstanden, trotz der panslawistischen Stimmung im Zarenreich. An Eisendecher schrieb Bethmann Hollweg: Das Leben könnte passabel sein, wenn die Menschen nur nicht gar zu unvernĂŒnftig wĂ€ren.

      SĂ€mtliche Zitate des Reichskanzlers lassen durchscheinen, dass er zu jedem Zeitpunkt bestrebt war, einen großen europĂ€ischen Krieg zu verhindern.[48] Das entschiedenere Vorgehen Russlands in Nordpersien bewirkte zudem eine vorĂŒbergehende AnnĂ€herung Großbritanniens an Deutschland. Als im FrĂŒhsommer 1914 die Regierung Kenntnis von einer englisch-russischen Marinekonvention erhielt, warf dies schwere Schatten auf die Außenpolitik Bethmann Hollwegs. In seinem Vertrauen zu Außenminister Edward Grey enttĂ€uscht, schrieb er an die Deutsche Botschaft Konstantinopel, es gĂ€lte, sich ohne grĂ¶ĂŸere Konflikte durch die Zeit durchzuwinden. Wenige Tage spĂ€ter begab er sich nach einem StreitgesprĂ€ch mit Generalstabschef Moltke in die friedlichen Sommerferien nach Hohenfinow, die kurz nach seiner Ankunft durch das Attentat von Sarajevo abrupt beendet wurden.

      Vom „Blankoscheck" zum Kriegsausbruch
      Nur wenige Wochen zuvor war die Ehefrau Bethmann Hollwegs verstorben und der Reichskanzler sah sich den grĂ¶ĂŸten Schwierigkeiten seiner politischen Laufbahn ausgesetzt. Wilhelm II. war nach der Ermordung des österreichischen Thronfolgers vorgeprescht und hatte dem Botschafter der Donaumonarchie in Berlin, Szögyeny, den berĂŒhmten Blankoscheck ausgestellt, was allerdings keine große Neuerung darstellte: Die Nibelungentreue im Zweibund herrschte seit dem Kanzler Hohenlohe vor. Bethmann Hollweg schrieb spĂ€ter in seinen „Betrachtungen", diese Ansichten des Kaisers deckten sich mit seinen Anschauungen. Am 6. Juli 1914 versicherte der Reichskanzler der österreichischen Botschaft erneut, dass das Deutsche Reich treu an der Seite seines VerbĂŒndeten kĂ€mpfen werde.
      Zugleich ließ er den StaatssekretĂ€r Jagow an Lichnowsky telegrafieren, dass „alles vermieden werden muss, was den Anschein erwecken könnte, als hetzten wir die Österreicher zum Kriege". Aus dem Gedanken heraus, den Konflikt lokalisieren zu können, befĂŒrwortete Bethmann Hollweg die Fortsetzung der kaiserlichen Nordlandkreuzfahrt. Der Kanzler ließ der österreichischen Politik freie Hand, doch nicht kritiklos, wie der französische Botschafter in Wien, Dumaine, bezeugte.

      Bethmann Hollweg sprach frĂŒh die BefĂŒrchtung aus, dass wenn Österreich zu expansionistische Töne anschlagen wĂŒrde, der Konflikt nicht mehr auf dem Balkan zu halten sei und „zum Weltkriege fĂŒhren könne".

      Doch selbst als das AuswĂ€rtige Amt im Juli 1914 endgĂŒltig wusste, dass das Ultimatum Österreich-Ungarns an Serbien unannehmbar formuliert werden sollte, ließ der Kanzler gewĂ€hren. Auf Nachfrage bekundete die Reichskanzlei: „Zur Formulierung der Forderungen an Serbien können wir keine Stellung nehmen, da dies Österreichs Sache ist." Bethmann Hollwegs Wesenszug, Menschen nicht unter Druck setzen zu wollen, trat an dieser Stelle ĂŒberdeutlich zu Tage. Im Glauben an die NeutralitĂ€t Großbritanniens telegrafierte er an das Londoner Foreign Office: Da Österreich bei seinem Vorgehen vitale Interessen wahrt, ist eine Ingerenz des verbĂŒndeten Deutschland ausgeschlossen. [
] Nur gezwungen werden wir zum Schwerte greifen.

      Als am 27. Juli 1914 die diplomatisch geschickte Antwort Serbiens auf das österreichische Ultimatum in Berlin eintraf, sah der Kaiser jeden Grund zum Krieg entfallen. Wilhelm II. schlug vor, dass Österreich Belgrad zwecks weiterer Verhandlungen zur dauerhaften Lösung der Balkanfrage besetzen sollte, was von Edward Grey begeistert unterstĂŒtzt wurde. Doch zeitgleich stellte der vermeintliche Dreibundgenosse Italien Kompensationsforderungen fĂŒr das österreichische Vorgehen auf dem Balkan. Wien reagierte mit dem Angebot einer Aufteilung Serbiens unter Russland, das zuvor keinerlei Gebietsforderungen in Serbien gestellt hatte, und Österreich, was in Berlin mit lautem Protest abgelehnt wurde. Zum ersten Mal geriet Bethmann Hollweg offen in Harnisch gegen die Donaumonarchie. Er telegrafierte an das AuswĂ€rtige Amt:

      „Eine Politik des doppelten Bodens kann das Deutsche Reich nicht unterstĂŒtzen. Sonst können wir in St. Petersburg nicht weiter vermitteln und geraten gĂ€nzlich ins Schlepptau Wiens. Das will ich nicht, auch nicht auf die Gefahr, des Flaumachens beschuldigt zu werden."

      Der plötzliche Widerstand gegen Österreich zeigte erneut, dass tiefgreifende außenpolitische Entscheidungen Bethmann Hollwegs nicht aus StaatsrĂ€son oder KalkĂŒl entsprangen, sondern aus der Ethik. Das Vorgehen Wiens widersprach in seinen Augen dem Grundsatz vom ehrlichen Kaufmann. Noch am selben Tag sprach er mit dem Kaiser darĂŒber, dass wenn die Krise vorbei sei, die VerstĂ€ndigung ĂŒber die Flottenfrage mit England erneut in Betracht kĂ€me.

      Der britische Außenminister Grey warnte unterdessen Deutschland, dass wenn der Konflikt sich nicht auf Österreich und Russland beschrĂ€nken, sondern auch Frankreich und das Reich mit hineinziehen wĂŒrde, auch Großbritannien nicht abseits stehen könne. Bethmann Hollweg teilte daraufhin dem deutschen Botschafter in Wien mit, dass Österreich sich nicht gegen Verhandlungen mit dem Zarenreich wehren dĂŒrfe. Zwar sei man bereit, der BĂŒndnispflicht nachzukommen, doch nicht, sich dabei leichtfertig [...] in einen Weltbrand hineinziehen zu lassen.

      FĂŒr die Bremsung Österreich-Ungarns war es zu diesem Zeitpunkt schon zu spĂ€t. Die MilitĂ€rs an Donau und Newa waren lĂ€ngst in Aktion getreten, und Generalstabschef Moltke forderte den Kanzler auf, die deutsche Generalmobilmachung einzuleiten. Man dĂŒrfe Österreich nicht im Stich lassen. Die strategische Route des Generalstabs, in Belgien einzumarschieren, vereitelte schließlich alle BemĂŒhungen Bethmann Hollwegs um eine Lokalisierung des Konflikts. In seinen Erinnerungen bezeichnete Tirpitz die Situation des Kanzlers in jenen Tagen als die eines Ertrinkenden.

      Kriegsausbruch
      KriegserklĂ€rung des Deutschen KaiserreichsAm 31. Juli 1914 fand die offizielle VerhĂ€ngung des Kriegszustandes statt. Auf formellen KriegserklĂ€rungen hatte Bethmann Hollweg im Gegensatz zu Vertretern des preußischen Kriegsministeriums bestanden, um nach dem Völkerrecht eine BestĂ€tigung zu haben. Der tiefe Wunsch nach immer geltenden Richtlinien im Krieg wurde in Berlin mit Verwunderung aufgenommen. Den Vorschlag des russischen Zaren, die Serbienfrage vor den internationalen Schiedsgerichthof zu bringen, lehnte Bethmann Hollweg ab, weil Tags zuvor die russische Generalmobilmachung erfolgt war.

      Noch am 3. August versicherte der Reichskanzler dem britischen Außenminister Grey, fĂŒr den deutschen Einmarsch in Belgien sei letztendlich die russische Mobilmachung verantwortlich, die das Reich in eine solche Zwangslage versetzt habe. Er habe alles versucht, den Völkerrechtsbruch zu vermeiden und den Wahnsinn einer Selbstzerfleischung der europĂ€ischen Kulturnationen zu verhindern.

      In den nĂ€chsten Tag zeigte sich in aller Deutlichkeit, wie wenig Bethmann Hollweg fĂŒr nationalistische Parolen empfĂ€nglich und dem Paneuropa-Gedanken zugeneigt war. Am 4. August trat er in Erwartung der britischen KriegserklĂ€rung vor den Reichstag, um zu betonen, dass Deutschland den Krieg nicht gewollt und die russischen MilitĂ€rs den Brand entfacht hĂ€tten. Das Unrecht an Belgien mĂŒsse das Kaiserreich wieder gut machen. Doch wer so bedroht sei, der dĂŒrfe nur daran denken, wie er sich durchhaue.

      Am Abend des 4. Augusts fĂŒhrte Bethmann Hollweg ein GesprĂ€ch mit dem britischen Botschafter Goschen. Unter TrĂ€nen schĂŒttete der Kanzler ihm die Seele aus: FĂŒr einen Fetzen Papier (just for a scrap of paper, gemeint war die belgische NeutralitĂ€tserklĂ€rung) wolle Großbritannien gegen eine verwandte Nation Krieg fĂŒhren, die mit ihr in Frieden leben wolle. Alle BemĂŒhungen seien vor seinen Augen zusammengebrochen wie ein Kartenhaus (like a house of cards). Zuletzt sollen sich Reichskanzler und Botschafter weinend in den Armen gelegen haben. In seinen „Betrachtungen" rĂ€umte er spĂ€ter ein, das Wort vom „Fetzen Papier" sei eine Entgleisung gewesen, doch hielt er an der Meinung fest, die belgische NeutralitĂ€t sei im Vergleich mit dem herannahenden Weltkrieg eine Nichtigkeit gewesen.

      1914: Sorgen und Siegestaumel
      Doch zu Anfang des Krieges hatte sich Bethmann Hollweg einigen Illusionen hingegeben: Er musste nun feststellen, dass die Kriegspropaganda auch im Vereinigten Königreich ihr Übriges getan hatte. Eine leidenschaftliche Kriegsbereitschaft war erwacht, die sich z.B. in der Landung eines britischen Expeditionskorps an der KĂŒste Flanderns zeigte.

      In den spĂ€ter Septemberprogramm genannten vorlĂ€ufigen ErwĂ€gungen formulierte das Kaiserreich erstmals konkrete Kriegsziele. Wichtigster Punkt war die Schaffung einer europĂ€ischen Zollunion, die der deutschen Wirtschaft im benachbarten Ausland den Weg ebnen und gleichzeitig die deutsche Vorherrschaft in Mitteleuropa sichern sollte. Ob diese PlĂ€ne Gedanken Bethmann Hollwegs entstammen, ist nicht nachzuweisen. Vielmehr gilt Kurt Riezler als Autor des Septemberprogramms. Dieser schrieb selbst am 20. September 1914, der Kanzler wĂŒrde in der Frage der Kriegsziele immer nur hören. Dennoch unterschrieb Bethmann Hollweg die im Septemberprogramm genannten Kriegsziele, inklusiver annexionistischer Gebietsforderungen in Europa, die der Kanzler spĂ€ter ablehnte.

      Von der patriotischen Begeisterung in Deutschland blieb der Kanzler unterdessen fast gĂ€nzlich unberĂŒhrt. Ein Brief an seinen Freund Oettingen, den er am 30. August 1914 aus dem Großen Hauptquartier versandte, legt davon zwingend Zeugnis ab:

      „Arbeit und Hoffnung sind mir in den HĂ€nden entzweigeschlagen worden. Aber ich fĂŒhle mich unschuldig an den Strömen von Blut, die jetzt fließen. Unser Volk ist herrlich und kann nicht untergehen. Viel schweres, vielleicht sogar das Schwerste steht uns bevor."

      Karl Helfferich, der im Hintergrund eine enorme Feindseligkeit gegen einen der bedeutendsten Berater von Kaiser und Kanzler, Walther Rathenau, entwickelte, begleitete Bethmann Hollweg zur Obersten Heeresleitung. Helfferich schrieb spĂ€ter, dass Bethmann Hollweg die Frage „Wo ist ein Weg zum Frieden?" unausgesetzt und auf das innerlichste beschĂ€ftigt habe.

      So erwog der Kanzler die RĂŒckgabe der deutschen Kolonie Kiautschou (heute Qingdao) an China. Durch die damit verbundene Aufgabe des Ostasiengeschwaders sollte eine WiederannĂ€herung an Großbritannien, aber auch an Japan erzielt werden.

      Dennoch stimmte laut Tirpitz der Kanzler im GesprÀch August 1914 der Annexion Antwerpens und eines nördlichen Gebietsstreifens zu. In Anbetracht der Forderungen der MilitÀrs stellte das tatsÀchliche Septemberprogramm eine deutliche Milderung dar. So wurde dort noch die Frage Antwerpen offen gelassen. Der vermeintlichen Fachkompetenz des Generalstabs sah sich der Reichskanzler nicht gewachsen, weshalb er seinen Kurs wiederum Ànderte. Zitate aus dieser Zeit belegen jedoch seine innere Distanz zu seinen eigenen politischen Entscheidungen. Seinem Mitarbeiter Otto Hammann schrieb Bethmann Hollweg am 14. November 1914 aus dem Hauptquartier in Charleville:

      „Ich bin immer voller Scham, wenn ich vergleiche, was in Berlin geleistet wird und was wir hier nicht tun. Komme ich gar zur Front und sehe die gelichteten Reihen unserer grauen Jungs [...] in das Morden von Ypern marschieren, dann geht es mir durch Mark und Bein. [...] Belgien ist eine harte Nuss. Ich habe anfangs die Phrase vom halbsouverĂ€nen TributĂ€rstaat nachgeschwatzt. Jetzt halte ich das fĂŒr eine Utopie. Selbst wenn wir den BĂ€ren schon erlegt hĂ€tten."

      GegenĂŒber dem freisinnigen Historiker Hans DelbrĂŒck gab Bethmann Hollweg 1918 zu, dass die Forderung der Wiederherstellung Belgiens wohl objektiv gesehen das Beste gewesen wĂ€re. Doch unter dem enormen Druck, der von den MilitĂ€rs ausging und nach Annexionen schrie (Diese verfluchte Stimmung des Hauptquartiers.), sei dies damals nicht möglich gewesen und die Politik sei, nach Bismarck, nun mal die Kunst des Möglichen.

      Stattdessen sprach der Kanzler vom „Faustpfand" in Belgien und Frankreich. Diese Formulierung hatte fĂŒr ihn das Gute, dass sie zu keiner verfrĂŒhten Festlegung fĂŒhrte. Denn erst am Ende des Krieges wĂŒrde sich die Frage der Einlösung des Pfandes stellen. So war die Faustpfandformel eine rhetorische Waffe gegen annexionistische AnsprĂŒche. Gleichzeitig galt fĂŒr ihn das Bekenntnis von der Schuld am Unrecht an Belgien weiterhin. Das am 4. August 1914 gesprochene Wort nahm Bethmann Hollweg, entgegen der Meinung einiger Historiker, niemals zurĂŒck. Seinem Freund Karl von WeizsĂ€cker gestand er im Mai 1917 ein, dass er mit beiden Formulierungen (Faustpfand, Unrecht an Belgien) auch die Sozialdemokratie hatte an das Kaiserreich binden wollen.

      Nichtsdestoweniger beweist seine Aussage vor dem Untersuchungsausschuss der Weimarer Nationalversammlung 1919, wo er unterstrich, das Bekenntnis vom Unrecht nie widerrufen zu haben, seine tiefe Verankerung im Moralischen.

      Jederzeit betonte Bethmann Hollweg den Verteidigungscharakter, den der Krieg seines Erachtens hatte. Er sprach stets von der Sicherung des Reichs und, im Siegesfall, von einem stĂ€rkeren Deutschland, nie aber von einem grĂ¶ĂŸeren, wie der Alldeutsche Chemiker Hans von Liebig (nicht zu verwechseln mit Justus von Liebig) missbilligend bemerkte.[82]


      Generalstabschef Erich von FalkenhaynDer linken, auf eine völlige VerzichterklĂ€rung pochenden Seite konnte der Kanzler, obwohl er im MĂ€rz 1915 im Hauptquartier von der völligen Freigabe Belgiens sprach auch nicht voll gerecht werden, um weiterhin des Wohlwollens Wilhelms II. sicher zu sein. Als weiteres Problem erwies sich die militĂ€rische VolksaufklĂ€rung. Bereits im September 1914 hatte Generalstabschef Erich von Falkenhayn die systematische AufklĂ€rung der Öffentlichkeit ĂŒber die ungĂŒnstige militĂ€rische Situation infolge der Marneschlacht gefordert. Auf Rat des AuswĂ€rtigen Amtes, das unberechenbare Folgen im Ausland fĂŒrchtete, und mehrerer WirtschaftsverbĂ€nde lehnte Bethmann Hollweg die Verbreitung der militĂ€rischen Wahrheit durch die Regierung ab.

      Trotz aller SelbsttĂ€uschung könne die AufklĂ€rung nur allmĂ€hlich durch die Ereignisse selbst geschehen. Die Siegeszuversicht sei schließlich moralischer Faktor von ungeheuerer Bedeutung.

      WĂ€hrend im Reichstag die Nationalliberalen in Unkenntnis der tatsĂ€chlichen Lage an der Front immer weiter nach rechts rĂŒckten und sich Annexionsgedanken hingaben, stellte Bethmann Hollweg fest, dass die Parteinahme fĂŒr große Gebietsforderungen sich weitgehend mit der Gegnerschaft zur preußischen Wahlrechtsreform deckte. So waren die außenpolitischen Fronten im Hintergrund auch innerpolitischer Natur, was sich fĂŒr den Kanzler und das Kaiserreich als das entscheidende, tiefsitzende Problem erweisen sollte.

      Doch zu Anfang des Krieges war es gelungen, die gesellschaftlichen KlĂŒfte in nationaler Hochstimmung durch den sogenannten Burgfrieden zu ĂŒberbrĂŒcken. Dieser Zusammenschluss basierte zu einem großen Teil auf der Arbeit des Kanzlers. So hatte er von Anfang an den Plan fĂŒhrender MilitĂ€rs, so z.B. Tirpitz', bei Kriegsausbruch den SPD-Vorstand zu verhaften und die Partei aufzulösen, entschlossen abgelehnt.[88] Außerdem war Bethmann Hollweg offen auf die Sozialdemokratie zugegangen, um sie langfristig fĂŒr das Kaisertum zu gewinnen. Doch schon die simple Geste eines BegrĂŒĂŸungshandschlags 1912 zwischen ihm und August Bebel war in weiten Kreisen der Medien als Ausdruck staatsfeindlicher Gesinnung gewertet worden.

      Einem ĂŒberparteilichen Kanzler musste es aber doch daran liegen, die Arbeiterschaft fĂŒr die Mitwirkung im Krieg zu gewinnen. Über den Sozialdemokraten Albert SĂŒdekum, der aus seiner Fraktion dem Reichskanzler am nĂ€chsten stand und hĂ€ufig als Bindeglied zwischen Regierung und parlamentarischer Opposition fungierte [90], ließ Bethmann Hollweg am 29. Juli 1914 bei der SPD anfragen, wie sie sich im Krieg stellen werde. Zu seiner Genugtuung erhielt er die Zusicherung, weder mit Sabotage, noch mit Generalstreiks rechnen zu mĂŒssen. Nachdem er diesen Brief des SPD-Vorstandes dem Kaiser zur Kenntnis vorgelegt hatte, sprach dieser am 4. August im Reichstag das berĂŒhmte Wort: Ich kenne keine Parteien mehr, kenne nur noch Deutsche. In der Sitzung des Preußischen Staatsministeriums vom 15. August forderte er eine gerechte Behandlung der Sozialdemokratie, was zu entrĂŒsteten Äußerungen der Konservativen fĂŒhrte.

      RĂŒckblickend sah Bethmann Hollweg den Tag des Kriegsausbruchs als einen der grĂ¶ĂŸten der deutschen Geschichte an. Am 4. August 1914 seien die inneren Schranken gefallen, die das Zusammenwachsen zum wahren Nationalstaat verhindert hĂ€tten. Zum Demokraten Conrad Haußmann, der mehrmals auf Hohenfinow weilte, sagte er Anfang Oktober 1914:

      „Es mĂŒssen die Schranken fallen, es fĂ€ngt nach dem Krieg eine neue Zeit an. Die Standesunterschiede sind so stark zurĂŒckgetreten wie noch nie."

      Erst in den folgenden Wochen begann der Kanzler festzustellen, dass sich die Konservativen, wie sie da so eiskalt sitzen, nicht der neuen Gemeinschaft ĂŒber alle Weltanschauungen hinweg anschließen wollten.

      Bethmann Hollweg nahm unterdessen auch an Feindesopfern Anteil. In diesem Sinne rief er 1916 im Reichstag aus:

      „Immer neue Völker stĂŒrzen sich in das Blutbad. Zu welchem Ende?"

      Das Fehlen jedweder nationalistischer HassgefĂŒhle prĂ€gte immer die Politik des Reichskanzlers. Mitten im Krieg gegen den „Erbfeind" las er französische Literatur (HonorĂ© de Balzac, Anatole France), erfreute sich an der Schönheit der französischen Sprache und beklagte, dass die Moderne Kunst in Berlin nicht so aufgeblĂŒht war wie in Paris.[94] (Siehe dazu auch: Rinnsteinkunst) Sein Lieblingsmaler war Max Liebermann, der ihm auch politisch nahe stand und 1915 ein Bildnis des Kanzlers schuf.


      1915-1917: Erwachen [Bearbeiten]Im Sinne von Fortschrittlern und Linken bekannte sich die Regierung im Februar 1915 zur sogenannten Neuorientierung, die auch eine Wahlrechtsreform in Preußen beinhalten sollte. Den Konservativen Innenminister Friedrich Wilhelm von Loebell (ehemaliger Kanzleramtsdirektor) wies Bethmann Hollweg an, einen Gesetzentwurf vorzulegen. Der im FrĂŒhsommer 1915 eingebrachte Reformentwurf sah allerdings wieder ein stĂ€ndisch abgestuftes Wahlrecht vor. In der Thronrede 1916 stellte sich Wilhelm II. durch einen Hinweis auf die Neuorientierung - zum großen Unmut Loebells - hinter diese. Doch der kleine Wink des Kaisers, der fĂŒr die Konservativen als besorgniserregende Geste verstanden wurde, ging Bethmann Hollweg nicht weit genug. Die MilitĂ€rs reagierten mit Unmut auf die Wiederaufnahme der BemĂŒhungen um die Wahlrechtsreform: Oberst von Thaer nannte den Kanzler untauglich, die Reform höchst ĂŒberflĂŒssig. Der Kanzler hĂ€tte doch besser MĂ€dchenschullehrer werden sollen.

      Nach mehreren EntwĂŒrfen, die alle das Pluralwahlrecht erweiterten, jedoch nicht zum allgemeinen gleichen Wahlrecht ĂŒberleiteten, sagte Bethmann Hollweg zu Wahnschaffe, das Dreiklassenwahlrecht sei unmöglich geworden und es wĂŒrde notwendig, zum gleichen Wahlrecht ĂŒberzugehen.

      Ende September 1915 empfing zum ersten Mal ein deutscher Kanzler im Reichskanzlerpalais einen Sozialdemokraten, Philipp Scheidemann, zum Diner. In seinen Erinnerungen schrieb Scheidemann:

      „Jeder Satz des Kanzlers hat Sehnsucht nach Frieden und guten Willen geatmet.[97]"

      Von links und von rechts wurde ihm unterdessen EntscheidungsschwĂ€che vorgeworfen. Das Fehlen einer politischen Mitte trat immer deutlicher zutage. Eine solche hĂ€tte sich vor allem auf die Nationalliberalen stĂŒtzen mĂŒssen, die aber unter ihren annexionistischen WortfĂŒhrern Ernst Bassermann und Gustav Stresemann nicht an eine Kooperation mit den hinter Bethmann Hollweg stehenden linksliberalen Fortschrittlern dachten.[98]

      Wie klar der Kanzler schon im FrĂŒhjahr 1915 die militĂ€rische Situation des Reichs sah, zeigte ein ungewöhnlicher Vorschlag an das preußische Staatsministerium: Darin legte er die Abtretung der Landkreise LeobschĂŒtz und Pleß (Provinz Schlesien) an Österreich nahe, damit der Donaumonarchie Gebietskonzessionen an Italien leichter fallen wĂŒrden.[99]. Nur dadurch könne man den Kriegseintritt Italiens auf Seiten der Entente verhindern. Er erklĂ€rte den Ministern, dass, wenn Italien eingreife, der Krieg verloren sei. Seine Ministerkollegen lehnten den Vorschlag entsetzt als geradezu unpreußisch ab. Die am 23. Mai 1915 erfolgte KriegserklĂ€rung Italiens erĂŒbrigte die weitere Erörterung des schlesischen Angebotes.[100]

      Am 7. Mai 1915 torpedierte ein deutsches U-Boot das britische Passagierschiff RMS Lusitania vor Irland. Dabei starben ĂŒber 120 Amerikaner, was das VerhĂ€ltnis zu den Vereinigten Staaten erheblich belastete.

      Damit trat die Frage des uneingeschrĂ€nkten U-Boot-Krieges erneut auf die Tagesordnung. Im November 1914 hatte Tirpitz in einem Interview den U-Boot-Krieg als das einzige wirklich effektive Gegenmittel gegen die völkerrechtswidrige Seeblockade, die das Vereinigte Königreich ĂŒber Deutschland verhĂ€ngt hatte, bezeichnet. In der Erwartung, dass humanitĂ€re Argumente bei der AdmiralitĂ€t kaum auf Widerhall stoßen wĂŒrden, hatte der Reichskanzler versucht, durch kritische Fragen den uneingeschrĂ€nkten U-Boot-Krieg zu vermeiden oder zumindest hinauszuzögern. So zweifelte er an der kriegsentscheidenden Bedeutung einer solchen militĂ€rischen Aktion gegen die britische Kriegswirtschaft. Auch befĂŒrchtete der Kanzler frĂŒh den Kriegseintritt der USA auf Seiten der Entente.

      Obwohl auch Generalstabschef Falkenhayn schwankte, gab Wilhelm II., der anfangs von einer unchristlichen KriegsfĂŒhrung gesprochen hatte, der AdmiralitĂ€t teilweise nach. Im Februar 1915 erklĂ€rte der Kaiser die GewĂ€sser um die britischen Inseln zum Kriegsgebiet. Dies bedeutete zwar keineswegs die Erlaubnis eines uneingeschrĂ€nkten U-Boot-Krieges, doch löste die deutsche Vorgehensweise scharfe Proteste bei den neutralen Anrainerstaaten aus.

      Dennoch galt das Angebot des amerikanischen PrĂ€sidenten Woodrow Wilson, fĂŒr Vermittlung und Ausgleich zwischen den Kriegsparteien zu sorgen. Bethmann Hollweg war bereits 1911 von einer diplomatischen BemĂŒhung Amerikas angetan gewesen: Damals hatte PrĂ€sident Theodore Roosevelt wĂ€hrend eines Berlin-Aufenthaltes einen Transatlantischen Dreibund aus Großbritannien, Deutschland und den Vereinigten Staaten vorgeschlagen. Begeistert schrieb Bethmann Hollweg an die deutschen Botschaften in London und Washington, sie sollten an der Verwirklichung dieser Idee engagiert mitwirken.Doch die internationale Entwicklung entfernte die Staaten immer weiter voneinander.

      Am 19. August 1915, noch immer im politischen Fahrwasser der Lusitania-Versenkung, trat Bethmann Hollweg vor den Deutschen Reichstag und sprach den markigen und nachhallenden Satz:

      „Die Macht können wir - auch nach außen hin - nur im Sinne der Freiheit gebrauchen."

      Die EinfĂŒhrung der allgemeinen Wehrpflicht in Großbritannien sorgte im Januar 1916 in Berlin und Washington gleichermaßen fĂŒr Unmut. PrĂ€sident Wilson regte die Einberufung einer Friedenskonferenz an und entsandte den Sonderbeauftragten Oberst House (siehe auch: Grey-House-Memorandum) nach Berlin. Am 19. Februar 1916 wurde die bedeutsame U-Boot-Denkschrift des Reichskanzlers veröffentlicht. Darin verwendete er das spĂ€ter so berĂŒhmt gewordene Wort vom Eisernen Vorhang, der nicht um England gezogen werden dĂŒrfe.

      GegenĂŒber dem Admiral von MĂŒller verlieh er seiner großen Sorge Ausdruck, die Neutralen könnten sich geschlossen gegen Deutschland stellen, wenn das Reich im Krieg nicht die völkerrechtlichen Abkommen der Haager Landkriegsordnung beachten wĂŒrde.

      „Man wird uns erschlagen wie einen tollen Hund."

      Anfang MĂ€rz 1916 zeigte sich Bethmann Hollweg im Hauptquartier in Charleville in ungewohnter HĂ€rte. Unter Androhung seines RĂŒcktritts setzte er die Herauszögerung des uneingeschrĂ€nkten U-Boot-Krieges tatsĂ€chlich durch. Daher reichte Tirpitz wenig spĂ€ter seinen RĂŒcktritt ein, den er am 12. MĂ€rz auch erhielt. Der grĂ¶ĂŸte Widersacher des Kanzlers und BefĂŒrworter der U-Boot-KriegsfĂŒhrung, die Bethmann Hollweg ein Verbrechen am deutschen Volke nannte, war geschlagen.

      Am 10. MĂ€rz schrieb Albert Ballin an den Reichskanzler, dieser sei mit dem Krieg ganz außerordentlich gewachsen und nehme mit erstaunlicher Frische und Wucht Verantwortungen auf seine Schultern, denen er frĂŒher vermutlich ausgewichen sei. Der Kanzlerberater Riezler meinte, der Herr auf Hohenfinow sei in seine weltgeschichtliche Stellung hineingewachsen.

      In Berlin stand zu diesem Zeitpunkt (24. MĂ€rz 1916) allen Anschein nach das Auseinanderbrechen der SPD bevor. WĂ€hrend einer Reichstagssitzung hatten weite Kreise der Sozialdemokraten dem Regierungschef Bethmann Hollweg Zustimmung geĂ€ußert. Der gemĂ€ĂŸigte FlĂŒgel unter Friedrich Ebert schien sich vollends von der linken Parteiseite zu trennen. Bethmann Hollweg hoffte auf einen Zusammenschlus der gemĂ€ĂŸigten Sozialdemokraten und der Fortschritllichen Volkspartei zu einer Fraktion der Mitte (Fraktion der VernĂŒnftigen).

      Doch noch am selben Tag trat die USA-Problematik durch den Abschuss der Sussex erneut hervor. Bethmann Hollweg drĂ€ngte gegenĂŒber dem amerikanischen Botschafter in Berlin, James W. Gerard, auf Vermittlung von PrĂ€sident Wilson im internationalen Konflikt. Er brachte die Entsendung eines deutschen Sondergesandten, fĂŒr den er Wilhelm Solf vorsah, ins GesprĂ€ch und beteuerte, Deutschland stimme jederzeit einem Friedensschluss unter liberalen Bedingungen zu.

      Februar 1916 begann die deutsche Offensive vor Verdun. Falkenhayn wollte Frankreich, da ein schnelles Vorankommen, wie es 1870/71 geglĂŒckt war, an der RealitĂ€t der SchĂŒtzengrĂ€ben scheiterte, ausbluten lassen. Als Nachrichten von den grausamen UmstĂ€nden vor Verdun in die deutsche Presse kam, schrieb Bethmann Hollweg an Kabinettschef Rudolf von Valentini, er mĂŒsse den Kaiser dahin umstimmen, Paul von Hindenburg zum neuen Leiter des Generalstabs zu ernennen.

      Erst der Kriegseintritt RumĂ€niens im August 1916 brachte die Umstimmung des Kaisers und die Entlassung Falkenhayns mit sich. Unter dem neuen FĂŒhrungsduo Hindenburg und Erich Ludendorff, den der Kaiser fĂŒr einen zweifelhaften, vom Ehrgeiz zerfressenen Charakter hielt, nahm die dritte Oberste Heeresleitung ihre Arbeit auf.

      1916 erhielt mit der Polenfrage ein altes Problem wieder AktualitÀt. Schon im Juli 1914 hatte Wilhelm II., dem polnischen Grafen Bogdan von Hutten-Czapski erklÀrt, er wolle, falls Deutschland siege, dem polnischen Volk die Freiheit schenken und es in die UnabhÀngigkeit entlassen.Ein Jahr spÀter befand sich ganz Polen in der Hand der MittelmÀchte.
      Falkenhayn drĂ€ngte auf den Anschluss Polens an Österreich-Ungarn, was Bethmann Hollweg im Hinblick auf Aussicht eines Friedens mit Russland als die am wenigsten ungĂŒnstige Lösung bezeichnete.

      Mit dem Wechsel im Generalstab Ă€nderte sich der Tonfall: General Ludendorff forderte die sofortige Errichtung eines scheinselbststĂ€ndigen Königreichs Polen als ZuchtstĂ€tte fĂŒr Menschen, die fĂŒr weitere KĂ€mpfe im Osten nötig sind. Ludendorffs Gedanken von Zwangserhebungen in Polen standen im Gegensatz zu den Vorstellungen des Kanzlers. Im FrĂŒhjahr 1916 fand der Kanzler im Reichstag eindringliche Worte gegen den Annexionismus:

      „FĂŒr Deutschland, nicht fĂŒr ein fremdes StĂŒck Land, bluten und sterben Deutschlands Söhne."

      Daraufhin sprang der sozialdemokratische Abgeordnete Karl Liebknecht, WortfĂŒhrer des Bethmann-feindlichen, linksradikalen SPD-FlĂŒgels, auf und rief erregt: Das ist nicht wahr!

      In Verhandlungen mit dem österreichischen Außenminister Stephan BuriĂĄn von Rajecz im August 1916 einigten sich die Vertreter der MittelmĂ€chte auf ein unabhĂ€ngiges konstitutionelles Königreich Polen, dass aber, wie Bethmann Hollweg durchsetzte, erst nach Kriegsende ausgerufen werden sollte. Am 18. Oktober 1916 wurde nach Protesten aus Wien die Einigung ĂŒber Polen vom August fĂŒr ungĂŒltig erklĂ€rt und die UnabhĂ€ngigkeit Polens auf den November vorgezogen. Am 5. November 1916 wurde die Proklamation des Regentschaftskönigreich Polen verkĂŒndet.

      Bethmann Hollweg war dem Druck der Heeresleitung und der Donaumonarchie erlegen. Nur Zwangsrekrutierungen konnte er verhindern, doch die Tatsache, dass die MilitÀrs mit der Polnischen Wehrmacht sofort nach Ausrufung der polnischen UnabhÀngigkeit mit der Rekrutierung erster Freiwilliger anfingen, offenbarte die radikalen PlÀne Ludendorffs. Obwohl der Kanzler nicht die treibende Kraft in der Polenfrage war, ja sogar offenen Widerstand gegen die OHL leistete, war er der letztlich politisch Verantwortliche und den Anklagen der Geschichte ausgesetzt. Kurt Riezler schrieb dazu treffend: Der General drÀngt, der Kanzler zögert.

      Im Herbst 1916 war von der OHL, die zunehmend zur tatsĂ€chlich regierenden Kraft im Reich wurde, ein Kriegsleistungsgesetzentwurf ausgearbeitet worden. Dieser stand unter dem Motto Wer nicht arbeiten will, soll auch nichts essen und enthielt u.A. den Vorschlag der Frauenzwangsarbeit. Oberst Max Bauer, der Verfasser der Schrift, stieß auf entsetzte Proteste beim Kanzle


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